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28. Februar 2018, 07:55

Mach es mir französisch

Hallo Mädels,

es gibt eine Menge Diskussionen in Deutschland, die zeigen, dass diese Nation in der Lage ist, auf ganz hohem Niveau Hirnlosigkeiten abzusondern. Führend in intellektueller Dominanz auf dem Spielfeld der Sinnlosigkeit sind aber ganz klar die Politiker.

Es geht um Sprache.
Oh ja, es nervt, wenn jemand in einem normalen Satz plötzlich englische Worte einfügt und damit nicht nur den Syntax durcheinander wirft, sondern offenbar sagen will: Ich hip, du doof.

Vielleicht sollte man unterscheiden. Zwischen „Denglisch“ und Anglizismus. Obwohl es für beide Worte keine genaue, wissenschaftliche Beschreibung gibt, so würde ich vom Gefühl her sagen: „Denglisch“ soll cool klingen, egal ob es klappt. Ein Anglizismus ist der Versuch, etwas zu beschreiben, von dem man meint, dass das deutsche Wort das nicht genau hergibt.

Beides kann nervig sein, ohne Frage.
Aber da wir allesamt auf einem Planeten leben, bleibt es nicht aus, dass Sprachen sich vermischen und verändern. Außerdem entwickelt sich Sprache immer weiter.
Außer Latein. Außer ein paar Lateinlehrern wird es keine Lateinmuttersprachler mehr geben...

Wir alle sprechen nicht wie Goethe. Ich persönlich bin da ganz froh drum, habe aber da aber wenig zu beigetragen. Goethe lebte vor zweihundert Jahren! Wie traurig wäre es, wenn die Sprache sich nicht seit dem veränderte? Und den „Pudels Kern“ haben wir uns ja bewahrt.

Damals webte man übrigens ganz gerne ein bisschen Französisch ein.
Nur mal so als Leitfaden. Unsere, deutsche, teutonische, ützlützbergische Sprache ist zu 20% von Französischen und Griechischen Worten durchsetzt. Selbst das Wort „Nase“ entstammt dem Französischen.
Nur 1% lausiger Prozent auf Goethes Spielwiese ist ein Anglizismus.

Das wären dann so Worte wie „Handy“ und „Public Viewing“, die übrigens kein Engländer verstehen würde. Beim zweiten würde er doch eher ein Begräbnis (genauer: Leichenbeschau) vermuten.

Den Vogel abgeschossen haben aber wie immer die Ösis. Das Land mit dem kindlichen Kanzler Kurz. Ach, was kann man da für schöne Wortspiele mit machen!
Egal.
Die Habsburger sind fix und fertig, weil ihre schöne, verschnörkelte Sprache von teutonisch-deutschen Worten durchsetzt wird. Das Wiener Bildungsministerium schlägt Alarm, da das österreichische sprachliche Selbstbewusstsein im Sinken begriffen wäre.

Zur Hülfö!
Alles, aber bloß das nicht!

Was würden die Welt ohne den Schmelz Mozarts tun?
So ein Schmarren. Wieso sollten die Ösis auf lange Sicht die Fähigkeit freiwillig aufgeben, wüste Beschimpfungen so melodiös zur Gehör zu gebe, wie es nur die Sprache Mozarts zuwege bringt? Solange die Sissi-Filme nicht nachsynchronisiert werden, ist da sicher Entwarnung zu pfeiffen.
Ein Berliner wird ja wohl nie auf die Idee kommen, die deutsche Sprache charmant zu nutzen, oder?

Bei uns, wo wir alle aus Bielefeld wech kommen, wird man von der Diskussion nichts halten.
Kärr, Kärr, Kärr!
Die Erwachsenen werden abwinken, zum Buer schluffen, aufpassen, keinen fickerichen Pömpel umzumöllern und dann „in die Erdbeeren“ gehen. Die Bielefelder Kinderchen werden herumdölmern und Fangen spielen bis sie rammdösig werden und sich dabei in „Otte“ in Sicherheit bringen. Während die noch zugange sind, werden die Erwachsenen endlich mal aus den Puschen kommen und ihre Klotten zusammensuchen, den Schnotten aus dem Gesicht wischen und die Mauken in die Hand nehmen. Dann geht es im Schlürschritt los.
Bielefelder sind auf Fremdsprachen nicht so bullerich, stimmt schon, aber zum Nölen gibt es auch anderes zu sabbeln.
Nur kein Dahlschlag bitte. Müsste doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir solche Kinkerlitzchen nicht betüddern können. So was Usseliges!

Angst vor Anglizismus? Keine Ahnung, da frage ich einen Whistleblower, der soll mir facedown Big Data instagramen mit Hashtag. Davon mache ich dann von mir und dem kurzgeschlossenen Kanzler ein Selfi und poste das.

Zum Beömmeln.


In diesem Sinne
Pinöckel-Superstar

Redakteur




25. Oktober 2016, 16:45

Ich bin zuhause

Hallo Mädels,

Obiges ist jetzt sicher nicht gerade eine derart gescheite Nachricht, dass man sich deswegen gleich ins Hemd machen muss, aber für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie sich die Zeit an einem bestimmten Ort meines Lebens offenbar jeder physikalischen Artigkeit entzieht und einfach vergeht, als wäre diese Zeit nur, naja, nix.

Hier ein schönes Zitat zu Zuhause und Kleinstadt :

"Eine Kleinstadt ist eine Stadt, in der die wichtigsten Lokalnachrichten nicht gedruckt, sondern gesprochen werden."

So sprach der geniale Jacques Tati.


In diesem Sinne
Die Zuhausegernseiende

Redakteur




21. Oktober 2016, 13:41

Die schönsten Tragödien

Hallo Mädels,

aus gegebenem Anlass hier ein kleines Zitat von Edgar Degas.

"In der Oper ist alles falsch: Das Licht, die Dekorationen, die Frisuren der Balletteusen, ihre Büsten und ihr Lächeln. Wahr sind nur die Wirkungen, die davon ausgehen."

Und wenn du nicht weißt, worum es geht, musst du mal wieder hin!

In diesem Sinne
Das klatschende Publikum

Redakteur




20. Oktober 2016, 14:46

Warum Winnetou zu Don Carlos passt


Hallo Mädels,

Verdi, so mag man meinen, trägt ja gerne mal dick auf.
Aber für meinen Theatergenuss „Don Carlo“ von Guiseppe Verdi kürzte er die Oper vor meinem Eintreffen um einen Akt. Schiller wäre beleidigt gewesen.
So blieben 3 Stunden und 15 Minuten, in denen mich das exzellente Personal des Theater Bielefeld an dem tragischen Nicht-Geliebt-Werden der vier Hauptpersonen (Don Carlo, Filippo II, Elisabeth und Eboli) und dem Scheitern der einzig aufrechten Seele (Rodrigo) teilhaben ließ.

Der Inhalt: Die vier genannten Hauptpersonen lieben inbrünstig, werden aber dummerweise nie korrekt zurück geliebt, was zunächst Verwirrung, dann bald Frust verspricht. Da das Nichtgeliebtwerden in einer machtvollen Position geschieht, haben die Verschmähten allerlei Möglichkeit, ihrer Empörung Luft zu machen.
Während der Ottonormal-Ungeliebte zu HARIBO-Produkten greift und beginnt, diese systematisch in sich hineinzufressen, neigen Mächtige ja gerne mal dazu, sich gegenseitig zu bekriegen, ganze Landstriche zu verwüsten, Weltreiche zu erobern oder butz zwischen Wetterbericht und Tagesschau den Falschlieber zu ermorden. Letzteres wurde hier präferiert.

Interessanterweise ist Don Carlos nicht wirklich die Hauptperson in der Geschichte. Und er hat auch nichts im Griff. So heiratet sein Vater seine (Carlos) Geliebte. Hingegen wird die Edeldame Eboli (das klingt schon so ungesund) von ihm verschmäht. Als wäre das nicht genug, bringt er seinen besten Kumpel (Rodrigo) durch Dusseligkeit dazu, sich ermorden zu lassen.
Das Ganze ist auf vier Akte verteilt mit großartiger Musik. Schon toll. Ein bisschen Gänsehaut war auch dabei.

Ein weiterer Schurke sei noch erwähnt: Der Großinquisitor kommt bei Verdi wie aller klerikaler Überfluss immer ganz schlecht weg. Verdi war Atheist. Und so lehrt mich ein großartiger Bass das Gruseln. Der Unsympath ist offenbar die einzige Figur, der das ganze Nicht-Geliebtwerden am Arsch vorbei geht.

Die wahre Hauptperson ist Rodrigo, Herzog von Posa. Mit seinem wunderbaren Bariton ist er der mit Überblick, versteht Weltpolitik und privaten Liebeskummer. Seine Vorschläge sind ebenso sinnvoll wie ungehört. Statt Flandern zu retten, will Don Carlos lieber seinen Liebeskummer gut sichtbar herumschleppen. Und der König macht eh nur das, was der Großinquisitor will. Das kann nicht gut gehen. Armer Rodrigo. Mit Tasche und roten Turnschuhen wirkte er auf mich wie ein moderner Hermes, der zwischen Mensch und Gott (in diesem Fall zwischen Liebestrottel und Despot) hin und her rennt und schließlich zwischen den Fronten armselig aufgerieben wird. Dafür ist seine Sterbepassage (zwischen Todesstoß und triumphaler, letzter Note) ungemein lang und zeigt deutliche parallelen zum Sterben Winnetous, was leider nie vertont wurde.

Das wunderbare Programmheftchen, das ich erwarb, spricht von „Matrix der Inquisition oder das Scheitern des Individuums“. Herrlich. Wenn man DAS in der Pause vom Jugendstil-Balkon des Theaters herunterruft, rufen alle Bielefelder: „Oijeujeu, die hat aber echt Ahnung von Verdi!“

Es war ein wunderschöner Theaterabend!

Anschließend stand ich an der nahe gelegenen Straßenbahnhaltestelle und wartete auf die Linie 3. Da radelte Rodrigo, frisch auferstanden, an mir vorbei.
Ich liebte ihn schon als Macbeth. Wie schön, dass dieser begabte Bariton sich so gut auf Wiederauferstehung versteht.


In diesem Sinne
Schillers kleines Mädchen

Redakteur




13. Oktober 2016, 08:28

Das Gymnasium der Cecilie in Bielefeld

Liebe Mädels,

wenn es Herbst wird, wird bei mir die Stimmung immer trüber. Und als wäre das nicht depri genug, greife ich zu Literatur, die auch nicht helfen kann.

Als Bielefelder gibt es einen Lesereflex, den man uns in der Schulzeit auferlegt hat und der sich bei mir dadurch verstärkte, dass ich mich in der Schulzeit weigerte, auch nur ein einziges vorgegebenes Stück Text zu lesen.
Etwas kontraproduktiv, wenn man bedenkt, dass ich in den Klausuren nie über eine Vier hinauskam, aus dem einfachen Grund, weil ich die Lektüre nicht kannte und deswegen die Antworten in einer Art Handarbeitszeitungs-Jargon verfasste. Un dnichts bestraft ein Deutschlehrer mehr als Gesülze. Meine Arbeiten ließen allerdings sicher auch eine gewisse semantische Magnifizenz vermissen...

Also Vier bis Fünf.

Bei meinen Kindern bin ich da strenger, frage andauernd nach, ob sie all das gelesen haben, was sie sollen. Sollten sie irgendwann man eine ähnlich dusseige Arbeitsweise wie ich an den Tag legen, würde ich ihnen die Bücher vorlesen oder Hörbücher kaufen, aber das sage ich ihnen jetzt noch nicht.

Wie dem auch sei.
Bielefeld.
Bei uns gab es zwei Intellektuelle, die man an unserem (ehemaligen Mädchen-) Gymnasium wie aus dem Effeff hersagen können musste. Ob mitten im Schlaf oder gerade in dem Moment, wenn man die Susi-Sunkist-Comics hinten auf seinem Kirsch-Getränk las.

Das waren

a) Emanuel Kant

b) Annette von Droste-Hülshoff


Den Herrn deshalb, weil der Direktor unseres Gymnasiums aus Königsberg stammte. Und da lebte und wohnte Emanuel und kam nie weiter als bis zu den Stadttoren - er hielt Tui-reisen für überschätzt...

Die Dame, weil die aus Münster stammte, und Biefelder nicht lange fackeln, wenn sie einen klugen Geist eingemeinden.

Die Schüler nahmen sich das zu Herzen und machten in den Abi-Zeitungen eine Rubrik auf, die die Goldene Elchi-Verleihung hieß und die besten Lehrersprüche prämierten. Warum Elch? Keine Ahnung. Ich bin nicht weiter als bis Kolberg gekommen. Aber wahrscheinlich weil in Königsberg und Gumbinnen sollten damals noch Elchtest veranstaltet worden sein.

Bei Annette war das anders. Diese unfassbar spröde Name und diese unfassbar gruselige Judenbuche machte uns Schülern allesamt schwer zu schaffen (...mir weniger, wusste ja nicht, worum es darin ging - vermutete aber, es ging um einen abrahamitischen Baum).
Die Annette war einfach aus Münster.
Und die Buche war einfach schrecklich.

Später las ich das Büchlein und gruselte mich. Nun lese ich es jeden Herbst. Ich besuchte auch ihr Geburtshaus und ihre Wohnstätte im Alter. Seeeehr münstersch.
Könnte auch mal in einem Tatort vorkommen...oder bei Fack ju Göte.

Von wegen: Buchen sollst du suchen...

In diesem Sinne
Cecilie

Redakteur




15. April 2016, 09:05

Hundstage – Dog Days


Hallo Mädels,

Tragödien ohne Musik und Gesang werden heute ja kaum noch als abendfüllend angesehen. Und als Europapremiere dürften die meisten Tragödien gar nicht zugelassen sein, denn Europa hat an Tragödien alles gehabt. Die Antike war voll damit und das was heute dazu kommt, wird nur mit viel Mühe von den Fernsehschaffenden als Super-Mega-Gau tituliert, und dann vom Wetterbericht abgelöst.

Also ab ins Theater. Da gibt es noch Premieren.
Dog Days. Von David T. Little.
Mein Vater konnte es nicht lassen und hat mir wieder eine Theaterkarte gekauft.

Das genannte Bühnenwerk kommt aus USA, also aus einem fernwestlichen Kulturkreis, der uns Europäern bisweilen völlig unbekannt ist.
Dieses Stück müht sich redlich, diese Wissenslücken zu schließen und Aufschluss über trostlose Familienverhältnisse zu geben.

Ich grüßte förmlich die Dame neben mir und setzte mich, um sofort wieder aufzustehen, weil eine andere Dame zu ihrem Platz strebte.

Bühnenbild: Haus.
Teilnehmende Künstler: Vater, Mutter, zwei Halbstarke, eine junge Dame und ein Hund, erkennbar daran, dass er auf allen Vieren herumlief (kein Text).
Inhalt: modern und deprimierend.
Gesang: modern und deprimierend (keine durchgehende Melodie), aber interessant und vielsagend die deprimierende Stimmung unterstützend.

Alle Akteure haben einen ausgewachsenen Spleen: Mann im Hundekostüm hat noch den kleinsten. Er hält sich einfach für einen Hund
Familienrest hingegen hat so richtig einen weg.
Tochter bildet sich Freundinnen ein.
Halbstarke sind andauernd auf Drogen.
Mutter will nur, dass es den Kindern gut geht, und der Vater will den Werteverfall stoppen.

Familie hungert und friert, wird ab und zu aus einem Militärhubschrauber versorgt. Es wird viel gesungen und gezankt.
Männer fressen zum Schluss Mann im Hundekostüm und werden dafür vom Militär ins Jenseits entsorgt. Mutter stirbt vorher. Nur Tochter kommt nicht so leicht davon, sie wird irre.
Am Ende räumt das Militär den Schauplatz und eine neue Familie (Experimentiergruppe 6) kommt ins Haus.

Es wird nun niemanden verwundern, dass nach dem letzten Ton, der aus einem tiefen Vibrieren und Kettenrasseln bestand, das betroffene Publikum derart in Lebenskrisen gestürzt war, dass es kaum zu klatschen imstande war.
Die Dame neben mir, schaute mir erst eine kleiner Weile beim Applaudieren zu, dann klatschte sie auch - dann alle. Wahrscheinlich aus Freude daran, dass wir, das Publikum, noch lebten.

Ich hatte meinen speziellen „Angiemoment“, als einer der Halbstarken, beim Vortrag eines drogeninduzierten Schmähgesanges (in Englisch) mit etwas Anlauf auf einen mannshohen Kühlschrank hopste (der Sänger war Asiate, dünn und gelenkig - es wirkte etwas ninjaesk).
Als er das vollbracht hatte, machte ich laut: „WOW!​“
Natürlich als einzige in einem sonst totenstillen Publikum. Die Dame neben mir drehte erschrocken den Kopf zu mir.

Ups.

Erfreulich: Trotz Moderne keine Nackigen. Aber wahrscheinlich sollte das Fehlen der bühnenüblichen Nacktheit auf die besondere Prüderie Amerikas verweisen. Im Gegenzug wurde das Wort „Fuck“ reichlich überstrapaziert.
Jaja, so macht man das in USA.

Ich würde sagen, es gibt keine Oper, in der ergreifender gefroren und gehungert wird!
Dog Days wird sicher bald einen gewissen Bekanntheitsgrad bei Rätselfreunden erreichen.

Eins noch. Es ist eine ausgesprochen mutige Entscheidung die Kunstperformance im Bielefelder Stadttheater bereits bei der Garderobe beginnen zu lassen. Dort nämlich wachte neben der zünftigen Garderobiere ein breitschultriger, amerikanischer Soldat. Ich schaute ihm irritiert zu, wie er da so stramm herumstand. Dann kaufte ich das Programmheft und die Garderobiere war bemüht, mich mit kurzem Augenkontakt zu warnen, denn mein Heft wurde mir nicht ausgehändigt, sondern an den Angehörigen des Militärs gereicht. Der hämmerte sogleich mit Wucht auf einen kleinen metallenen Anhänger eine Zahl.
PENG.
Gott, was hab ich mich erschrocken.
Dann überreichte mir die Siegermacht mein Heft.

Später erfuhr ich, dass ich zu der Experimentalfamilie 7 gehöre. Deprimierend.


In diesem Sinne
Rang links Reihe 2 Platz 5.

Redakteur




23. März 2016, 09:31

Musik ohne Gnade

Hallo Mädels,

mein Vater macht sich Sorgen um meine Bildung. „Du lebst ja auf dem Lande, wenn du zu mir kommst, schicke ich dich in die Oper“, verkündet der Bielefelder Bildungsbürger und nimmt mich wirklich mit ins Bielefelder Stadttheater.

Leider schwört das formidable Feuilleton voll auf „nackig“ auf Deutschlands Bühnen. Und das „Dramma lirico in vier Akten“, in das mich mein Vater begleitet, wartete mit Verdi, Shakespeare, Macbeth und vielen Nackigen auf mich. Ups.

Der Bielefelder Opernchor hatte offenbar vor, mich schwer zu beeindrucken. Zu diesem Zwecke verstärkte er sich mit dem Extrachor und Statisterie (ich liebe dieses Wort). Mit deutschen Übertiteln. Und ich hatte die Brille nicht mit!

Macbeth.

Für die, die den Inhalt nicht kennen, sei er hier schnell hingeworfen:

Schottland. Das ambitionierte Karrieristenehepaar Macbeth schafft es, in vier Akten Großteile des schottischen Adels niederzumetzeln, um selbst das Krönchen tragen zu dürfen. Frau Macbeth zeigt sich deutlich strebsamer in dieser Hinsicht als ihr eher jammeriger Mann, der verpflichtet war, einen konterkarierten Schottenrock zu tragen. Eventuell aus modischen Aspekten. So eine Krone plus Karos machen ja bekanntlich einen schlanken Fuß. Es kommt, wie es kommen muss. Herr Macbeth vertieft sich in der vierten und letzten Staffel nach dem Erhalt der Königswürde leider in sein eloquent vorgetragenes Selbstmitleid (und viel Nackigkeit). Und das nur, weil er seinen Kumpel ermordet hat (na, da darf man nicht zimperlich sein). Es gibt noch viel Bühnenschnickschnack.

Der wahre Held Banco, der besagte Kumpel von Macbeth, ist ein freundlicher Trottel, der wirklich, wirklich meint, eine langjährige Freundschaft könnte ihn vor Meuchelmord bewahren. Pah! Er wurde gesungen von einem sportiv wirkenden Asiate und der sah eher aus, als würde er sich nicht mit einem doofen Messer den Garaus machen lassen, sondern Bruce-Lee-mäßig dem Schotten zeigen, was man drunterträgt.
Aber Shakespeares Wille geschehe. Zack, zu dumm, da haben Herr und Frau Macbeth auch schon Bancos Libretto gekürzt. Und schon jammert Macbeth wieder rum. Wähhh, ihn habe ja keiner lieb und sein Freund redet nach dessen Mord nicht mehr mit ihm.
Tataaaa! Dann, endlich, wird der Hausherr von einem Kerl mit dem dusseligen Namen Macduff (und das ist sicher das, was Macbeth am meisten ärgert) niedergemetzelt. Schluss mit dem Jammern!

Shakespeares Humor zeigt sich einmal mehr im Auftreten von Hexen, die drogeninduzierte Prophezeiungen machen, die so ziemlich alles heißen können und damit immer eintreffen.

Ich war BE – GEIS -TERT!

Was einfach Spaß macht, ist dieses große Ganze. Man sitzt EBEN NICHT zuhause labberig am Fernsehempfangsgerät, sondern man hat sich adrett gefönt und sitzt aufrecht mit 400 anderen Interessierten und schaut ohne Hoffnung auf Werbung und Vorspultaste geradeaus. Es klingt nicht immer klar, mal knallt es, mal schreit es, mal ist ein Kopf dazwischen. Aber es ist echt und live und ach, toll.

Ich liebe Theater!

Und dann der Blick in den Graben zu den Bielefelder Philharmonikern. Herr Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic gab sich mächtig Mühe, mit den ihm anvertrauten, musikalischen Personal ordentlich Alarm zu machen. Hui! Dolle Sache. Die Übertitel (in deutsch) waren erstaunlich knapp - das italienische Gesinge dauerte da meist länger. Aber so sind sie, die Italiener, dauert länger, klingt aber besser.

In der Pause flanierte ich durch das Gebäude und bestaunte das Jugendstil-Interieur (draußen kann man noch mehr davon sehen). Jeder Bielefelder weiß natürlich, dass das ehrenwerte Haus 1904 mit der Jubelouvertür von Carl Marie von Weber eröffnet wurde. Ich liebe dieses Detail!

Interessiertes Bildungsbürgertum ist überall gleich. Es ist im Durchschnitt um die 70 Jahre alt, mit kleinem Latinum und ansehnlicher Schulbildung ausgestattet, trägt strapazierfähiges Tweet (nach dem Krieg hatten wir ja nix!​) und dazu ein Stofftaschentuch am Mann.

Und trinkt in der Pause Sekt. Herrlich.


Später, an der Haltestelle, auf dem Weg nach Hause, sah ich Banco auf dem Fahrrrad an uns vorbei radeln.

Ich liebe Bildung aus Bielefeld.



In diesem Sinne
Die vom Lande

Redakteur




12. Februar 2015, 08:16

Es ist Weiberfastnacht. Zeit für giftige Verkleidungen

Hallo Mädels,

man muss das so hinnehmen. Diese Sache mit dem Lautsein und dem Verkleiden und dem termininduzierten Fröhlichsein.
Es ist Weiberfastnacht.
Manche haben an diesem speziellen Tag super viel Spaß von Euch, andere muffeln so vor sich hin - ich um Beispiel.
Da ich in Hessen wohne, kann ich den ganzen Verkleidungszirkus kaum ignorieren. Daher ist es besser, sich mit diesem Phänomen einfach zu beschäftigen.

WARUM finden das so viele toll?
Das sind ja nicht alles Idioten. Unter den Kostümen verstecken sich gerne mal total nette Menschen.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, man muss Karneval wahrscheinlich trainiert haben.
Von klein auf.
In meiner Jugend ist in Bielefeld (und dafür bin ich dieser 801jährigen Stadt noch heute dankbar)auf diesen Teil der Frohsinns-Ausbildung naturgemäß und regionaltypisch wenig Energie aufgewendet worden.
Ich finde Karneval so peinlich, dass ich selbst in Hamm (damals, als ich da noch arbeitete) nur mit viel Alkohol ertragen konnte. Aber seien wir ehrlich. Alkohol kann bei einem sturen Ost-Westfalen sehr schnell auf seine Wirkungsgrenzen stoßen.

Mein allerersten Kostüm, und dessen wird sich sehr gerne in meiner Familie erinnert, war ein Pilz.
Mit Z.
Nicht mit S.
Ich trug ein Leibchen aus weißem Filz mit einigem Geschnackel um den Halsbereich herum, eine weiße Hose (sehr hilfreich bei einem Kindergartenkind, vermutlich blieb die nicht lange weiß) und einen sombrero-artigen, kreisrunden, knallroten Hut mit weißen Punkten.
Warum meine Mutter an jenem rosenmontagigen Morgen sich plötzlich dazu durchrang, mir so merkwürdige Klamotten anzuziehen, erschloss sich mir nicht, aber ich war eh vollkommen darauf eingestelt, immer das zu machen, was man mir sagte.
Woher kam das Kostüm überhaupt? Ich trug normalerweise die Sachen meiner Geschwister auf. Die Cowboysachen meines Bruders plus Revolver hätten mir grundsätzlich mehr gefallen.​.​.
Aber klar. Man trägt ja nur die doofen Sachen auf, die echt coolen Sachen verschwinden in dunklen Kanälen.​.​.​schmoll.​.​.
(Zum Beispiel das WM-T-Shirt meines Bruder in Gelb mit Tip und Tap drauf?​?​?​)

Wenn man also beschlossen hatte, mir an jenem denkwürdigen Rosenmontag diese seltsamen Sachen anzuziehen, sogar fleckenkritische Hosen, dann nahm ich das hin.
Nur als Randinfo: Ich hab damals sogar Hagebuttentee klaglos getrunken.
Ich wünschte, dieses sonnige Gemüt hätte ich heute noch! Würde vieles erträglicher machen!

Jedenfalls sah ich aus wie ein Fliegenpilz.
Das war wohl auch das Ziel dieser Kostümierung.
Alle waren begeistert.
Nur ich kam mit dem Hut fast durch keine Tür.​.​.

Heute, an Weiberfastnacht will ich nur so viel dazu noch anmerken:
Der Fliegenpilz ist eine Pilzart aus der Familie der WULSTLINGSverwandten.
Er ist GIFTIG, aber sicher NICHT harmlos.

Noch Fragen?
Viel Spaß jenen, die an diesen heiteren Tagen wirklich Freude haben.
Schickt mir Fotos davon, bitte!
Und all jenen, die diesen Tag zuende sehnen, wünsche ich viel Verständnis.
Ich sitze solange hilflos in Hessen fest.​.​.

In diesem Sinne
Amanita Muscaria

Redakteur




03. Oktober 2014, 16:01

Tag der Deutschen Einheit

Hallo Mädels,

Hier ein erhellendes Zitat aus meinem Zitatenfundus:




"Zur Gnade der späten Geburt darf sich jetzt nicht die Gnade der Geburt im richtigen Teil Deutschlands gesellen.​"

Walter Momper (1989-90 Reg. Bürgermeister von Berlin, SPD)


Kann ja nicht jeder in Bielefeld geboren werden.


In diesem Sinne
Die West-Tussi

Redakteur




18. Juli 2014, 09:29

Meine Briefkastenfirma

Hallo Mädels,

unlängst versuchte mein Bruder mir Mut zu machen: "Wenn du dich weiter so anstrengst, dann wir vielleicht ein Brunnen nach die benannt.​"
Eine tröstliche Aussicht, auch wenn ich schon von Glück reden darf, dass ein Briefkasten nach mir benannt wurde.
Meine Heimatstadt Bielefeld hat allerdings in ihrem 800jährigen Urkundenerwähnungsdasein nur wenige stattliche Brunnen hervorgebracht, und die wenigen haben schon gute Namen.

Wie bolle konnte ich mich daher über einen kleinen Absatz in einem Wir-sind-Weltmeister-Artikel freuen, in dem Erwähnung fand, dass der Bürgermeister von Bammental Gutes, Kluges, ja, Notwendiges plane.
Bammetal, das liegt bei Heidelberg. Und in Heidelberg wurde wer geboren?
Richtig.

Hansi Flick.

Eventuell deutete ich es mal am Rande an, dass ich diesen Herren UNGLAUBLICH toll finde. Aber nun verschwindet er von der Trainerbank. Nichts mehr mit Hütchenaufstellen, nichts mehr mit Standards üben, nichts mehr mit Pressekonferenzen, in denen er Wassergläser und Mikrofon in eine geometrische Ordnung schiebt, während er sagt, dass er „sehr, sehr“ zufrieden ist, „sehr, sehr“ gute Fortschritte sieht, „sehr, sehr“ fokussiert ist. Niemand wird so schön die Formulierung „individuelles Training“, „individuelle Regeneration“ und „Wir sind Weltmeister und das ist, ja, sehr, sehr schön“ der versammelten Presse darlegen.
Heul.
Der Bürgermeister von Bammetal versucht meinen Schmerz zu mildern.

Es wird bald eine Hansi-Flick-Straße geben!

Das wurde aber auch Zeit! Neben so postalischen Anschriften wie:

405 E 42nd Street, New York (UN)
Willy-Brandt-Straße 1, Berlin (Bundeskanzleramt)
ZDF-Straße 1, Mainz (Die Mainzelmännchen)

Nun auch:

Hansi-Flick-Straße, Bammental (Weltmeister)



Seufz.
Ich werde mal gleich Briefpapier drucken lasen für eine noch einzurichtende Briefkastenfirma.

In diesem Sinne
Hansi-Flick-Groupie 1

Redakteur



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"Man trinkt Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen." (T'ien Yi-Heng)