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23. März 2018, 09:58

Pronation. Tennislehrer mit abgeschlossenem Physikstudium


Hallo Mädels,

ich liebe es, wenn Sport in elegante Syntax gekleidet wird, wenn die Könige des journalistischen Tastentippens ein sterbenslangweiliges Fußballspiel in eine Verbal-Festivität umgestalten und ich atemlos die Zeilen entlang segele, um bis zur letzten Silbe das nachzuverfolgen, was ich live vor lauter Langeweile nie durchgestanden hätte.
In der Regel sind die Sportausführenden (Fußballer, Trainer, Tennisspieler) allerdings nie in der Lage, das Geschehen in halbwegs sinnstiftende Sätze zu fassen. Siehe diverse Pressekonferenzen.
Dann trat jener Sportaktive auf den Plan, vom dem ich unlängst schon schockiert berichtete. Ihr wisst schon. Der Mann mit der Winkelhalbierenden. Wir erinnern uns.

Es passierte diesmal folgendes: Ich bin beim Tennis, verhaue die Rückhand, verziehe die Vorhand und denke: „Ach, wie schön, dass ich so gesund bin, dass ich noch Sport treiben kann!“ und bin mit meiner latenten Unfähigkeit komplett im Reinen. Mut zur Lücke.

Ich stehe an der Grundlinie. Ich sortiere sorgfältig meine Füße, nehme den Ball in die linke Hand, atme durch, schaue auf das Netz. Ich blicke zum gegenüberliegenden Feld. Da muss der Ball hin. Ich umfasse den Schläger, wie Eva es mir beigebracht hat.
Heute steht jedoch nicht meine Trainerin neben mir sondern ihr Chef. Da muss ich mich anstrengen. Will ihr ja keine Schande machen!
Ich schlage.
Dann Stille in der Halle.
Chef brummt leise, tritt dann neben mich und sieht versonnen auf den Ball, wie er vor dem Netz leise auf und ab hüpft, um dann kraftlos liegen zu bleiben.
„Wenn man ins Netz geschlagen hat, hat man es total versiebt. Besser ist hinten ins Aus.“
Ich nehme einen zweiten Ball und schlage.
Er geht hinten ins Aus.
Trainer schweigt und nimmt seinen Schläger, hält ihn vor sich und dreht ihn. Ich bin mir nicht sicher, was er jetzt damit sagen will, aber ich verharre ehrfürchtig.
Dann spricht er wie folgt: „Um hohe Schlägerkopfgeschwindigkeite​n zu erzielen, solltest du eine gezielte Unterarmdrehungen einsetzen.“

Ja, ehrlich. So was sagt er. Einfach so. Zu mir!

Ich schweige, denn ich habe gerade den Tennis-Knigge nicht zur Hand, wo drin steht, was man darauf erwidern soll. Zum Glück ist der Chef längst Experte im entschlüsseln meines eher geistlosen Gesichtsausdruckes ob meiner Perplexität bezüglich Eröffnungen zum Thema „Optimierung von Angies Aufschlag“.
Er greift sich eine Handvoll Bälle und vollführt zunächst eine Trockenübung. Da der Mann so groß ist wie ein hessischer Sendemast, lege ich meinen Kopf in den Nacken und beobachte seine Bewegung in der Höhe.
Der Riese, der neuerdings einen Bart trägt, der mich spontan an James Brolin aus der Serie HOTEL (1983) denken lässt, steht seitlich zur Grundlinie. Er wirft den gefühlt erbsengroßen Ball mit drei Fingern federleicht vor sich in die staubfreie Luft. Da der Ball nichts anderes zu tun hat, schwebt er einfach. Dann führt der sonst völlig entspannt dastehende Mann eine Schleifenbewegung mit seinem Schläger aus. Dieser entwickelt dabei eine erstaunliche Geschwindigkeit, findet den schwebenden Ball und sendet ihn mit einem Zischen auf die andere Seite des Spielfeldes.
Wo genau ich zuerst hingucken soll, weiß ich nicht. Wahrscheinlich kann sowieso nichts meine Verwirrung mindern.
Chef spricht: „Erst Strecken der Beine, danach die Rotation des Oberkörpers und schließlich Kippen des Handgelenks.“
Ich nicke, denn außer Nicken bleibt mir wahrscheinlich nur die Option „Frustriert die Halle verlassen“, aber ich will ja was lernen.
Brav hole ich tief Luft, positioniere mich und schlage noch mal auf. Immerhin ist er „drin“. In der Hoffnung, es nun besser gemacht zu haben, sehe ich hoch zum Chef.
Er brummt. „Hmhm.“
Ist das gut? Will ich das so genau wissen? Ja doch, ich will ja besser werden!
Zum Glück nickt er. „Das ist ja schon mal ganz gut soweit. Um noch mehr Kraft auszuüben, braucht es die Torsion des Unterarms gegen den Uhrzeigersinn, bevor du den Ball triffst.“

Das! Ja DAS! Genau DAS sind so Momente, wo man sich fragt, wann man eigentlich gestern Abend zu viel getrunken hat, dass das eigene Sprachzentrum seine Arbeit verweigert.

„Ähem, „ räuspere ich mich und verkneife mir: „Was genau soll ich um welche Uhrzeit machen?“ Besser nicht anmerken lassen, dass das Gehirn noch an der Dekodierung dieser denkwürdigen Worte arbeitet. Ich mache schnell ein grübelndes Gesicht und tue so, als habe ich nach genauer Abwägung der Vor- und Nachteile beschlossen, seinem Rat Folge zu leisten.
Durch betont langsames Hervorkramen eines Balls gebe ich Chef Zeit, seiner kryptischen Aussage noch etwas Sinnstiftendes hinzuzufügen. Das tut er dann auch. Nämlich:
„Dass mit dem Rückhandgriff machst du ja schon ganz gut.“
Hurra! Eva sei dank! Ich bin erleichtert, doch auch sofort beunruhigt bei seinem Satz:
„Dieser Griff erleichtert die Pronation.“
Die...was? Die Nation ist erleichtert?
Ach ja? Ist das gut?
Er nimmt seinen Blick vom Feld und schaut zu mir runter. Offensichtlich wird ihm bewusst, dass er es hier mit sehr durchschnittlichem Personal zu tun hat und erklärt milde:
„Wie beim Auf-die-Uhr-Sehen.“
Ich gucke auf meine Uhr, dann auf seine. Meine ist schöner.
Lächelnd wiederholt er das Wort in der Hoffnung, es würde meine Erkenntnis erhöhen.
„Pronation.“
„Ach,“ sag ich lahm. „Pronation.“
Er holt langsam aus, hält den Schläger hinter seinem Rücken wie ein Hackebeil mit der Kante nach vorne und vollführt einen Schlag, der dann erstaunlicherweise doch volle Lotte den Ball treffen würde.
„Pronation,“ sagt er wieder. Wiederholungen sollen ja das Verständnis ersetzen können.
Ich nicke ehrfürchtig und schaue zu, wie er die Bewegung noch einmal ausführt. Er dreht das Handgelenk in letzter Sekunde.
„Um den Tennisball möglichst stark zu beschleunigen und möglichst viel Drall zu erzeugen.“ Wahrscheinlich hat er auch wieder was vom „Bürsten“ gesagt. Er sagt ja so vieles, was bestimmt klug ist, aber bei mir nur Rätsel aufwirft.
„Pronation?“ frage ich.
„Genau.“
Ich seufze. „Nee, is klaaar, Chef.“
Er atmet durch. Nicht enttäuscht, aber sicher mit der tiefen Erkenntnis, dass hier noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist, bevor die Nation die Pronation in ihrem Wesen erkennt.



Nach dem Unterricht habe ich mich für einen Fernuni-Lehrgang in theoretischer Tennis-Physik angemeldet.



In diesem Sinne
Angie Edberg



PS: Pronation ist die Einwärtsdrehung der Gliedmaßen. Sie ist damit die Gegenbewegung zur Supination. Sagt Wikipedia.

Redakteur




12. März 2018, 10:01

Vor großen Aufgaben

Hallo Mädels,

große Aufgaben, große Wünsche.
Durchatmen.
Ja, das Gefühl, dass einem der Arsch auf Grundeis geht, muss man aushalten können.
Wird schon.
Klar. Das wird alles. Irgendwie.
Denn was sagte schon Dietrich Bonhoeffer?

"Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen."

Das gilt für große Aufgaben genauso wie für die große Liebe.


In diesem Sinne
Ich, klein, hilflos, grinsend



Redakteur




19. Januar 2018, 08:21

Vereinssatzung und Feindbild

Hallo Mädels,

das Thema Verein ist gefährlich. Es packt mich mehr. Ich bin infiziert. Ich habe Vereinsfieber.

Ich bin wieder auf dem Weg zu einem Mitglied. Ich hab ein großes, rotes Buch unterm Arm, in dem ich mir alles notiere. Ich habe auch Textmarker und einen neuen Kugelschreiber. Ich schreibe lang und viel. Ich unterstreiche und mache Pfeile. Ich höre zu, während auf dem Papier das Herz des Vereins entsteht.
Ich bin gerne bei den Menschen zuhause. Sie fühlen sich dort sicher, auch wenn ihnen klar ist, dass da ein Eindringling sitzt, der neugierige Fragen stellen will. Sie lassen mich mit einem Lächeln gewähren.
Es gefällt mir überall.
Ich lege mein Notizbuch offen auf den Tisch. Alle erkennen: die interessiert sich wirklich für mich. Und für den Verein. Das mögen alle. Es ist, als würde man ihr Kind loben.
Aber sie sagen nie laut: ich liebe meinen Verein.
Sie sagen nur Kritisches.
Aber noch kritischer gehen sie mit dem Verein um, der nur ein paar Straßen weiter ist.
Das ist der Feind!
Oh verstehe, ich nicke und zwinker fröhlich.

Wenn ich eins schon immer wusste dann: Vereine fördern die Bestrebungen ihrer Mitglieder und stören die der anderen.

Ich sage: Ich kenne Feinde, ich weiß, dass Feinde was ganz Wichtiges sind.

Der Feind hält die Gruppe im Inneren zusammen. Deshalb hat man ja einen. Denn sonst gäbe das alles keinen Sinn, nicht wahr?
Sie schauen mich an und wollen in meinem Gesicht erkennen können, ob ich das verstanden habe, das mit dem Feindbild.
Ich nicke wieder.

Ich Tarzan, du Jane.
Ich Dortmund, du Schalke.

Sie sind erleichtert.
Nachdem sie alle alles über den Feind gesagt haben, spüre ich, wie sehr sie ihren eigenen Verein zu lieben verstehen. Trotz Kritik, die sie eben noch so detailreich anzubringen wussten. Verein verspricht Sicherheit. Und Sicherheit ist die Summe der gehaltenen Versprechen.


Das muss ich nur wissen, dann wird alles gut.



In diesem Sinne
Die mit dem roten Buch

Redakteur




17. Januar 2018, 08:56

Wie ich lernte, die Grundlinie zu lieben

Hallo Mädels,


ich habe in meinem Leben eine ganze Menge geliebt. Und irgendwann hofft man den Zeitpunkt gefunden zu haben, wo man nicht mehr liebt. Liebe ist Krieg, und tatsächlich immer tödlich.

Ich liebte bislang zahlreiche Männer. Nicht immer mit beiderseitiger Einwilligung, nicht mal mit beiderseitiger Kenntnis, aber wen stört es.

Sportarten habe ich aber bislang nur eine geliebt.
Fußball.
Ja! Fußball!!! Das bringt mich in Wallung. Das bringt mich fast um den Verstand. Ich brülle bis die Stimme aufgibt, ich zerreiße mir vor Wut über einen verdorbenen Pass die eigene Kleidung, ich lese alles, was der Kicker hergibt um es alles sofort wieder zu vergessen, denn was hilft der Verstand, wenn man doch ein Herz hat, das anderer Meinung ist.

Und dann passiert es.
Ich werde untreu…

Himmel! Angie! Du warst immer so loyal!!!

Vorbei! Da kommt eine andere Sportart und rammt sich tief in mein Herz, stellt ein Netz auf, in das ich mich total verheddere und malt seelenruhig die Grundlinie in roten Sand.
Du wirst jetzt erwachsen, liebe Angie. Du trägst nun Röckchen und zählst die Punkte anders, nein, es gibt keinen Torwart und es wird auch nicht mehr gebrüllt.
Quiet please.
Was war passiert???
Es ist wohl die Art wie ich die Welt wahrnehme, die mir diese Liebe bescherte, denn ich weigere mich, die schönen Kleinigkeiten im Leben zu übersehen, halte Geld zwar für ein schönes Hobby aber im Grunde für Zeitverschwendung, kann mich sogar über anstrengende Gesprächspartner freuen, mag den Widerspruch, und ich mag es, wenn jemand es richtig versteht, verlieren zu können.

Meine neue Liebe heißt TCM.

Was klingt wie das Qualitätssiegel von Tchibo ist jener Club, dem nun mein gesamter sportlicher Ehrgeiz gilt. Na, fast. Aber selbst das ist enorm viel.
Tennis. Und das mir.

„Oh, Himmel, Angie, dich können wir uns gar nicht auf dem Tennisplatz vorstellen!!!“
Nein? Dann gewöhnt euch lieber dran.

Was wir bisher wissen über Tennis: Teuer, ruhig, elegant, schön. Tennisarm. Wimbledon, Gerry Weber Open in Halle Westfalen. Tennis, der Ballsport, Unterkategorie Rückschlagspiel und gehört zu den Netzballspielen (Dinge, die ich in meinem Leben noch nie so genau wissen wollte).

Während ich früher ja gerne auf den entspannenden Aufenthalt in der Sportlerklausel hinarbeitete und das tiefgekühlte Hefeweizen bereits meinen Namen rief, ist da nun eine Apfelschorle. Wie konnte das passieren? Meine Freundin C. Ist schuld. Sie gibt es unumwunden zu. Sie hat nicht locker gelassen, bis ich den Bogen mit der Mitgliedschaft unterschrieben habe.

Aber was genau liebt man an einer Sportart?
Oh, was man an Männern liebt, weiß ich, aber an einer Sportart?
Wahrscheinlich nicht nur die Art, wie man einem Ball eine siegführende Richtung gibt. Es muss mehr sein. Das drum herum. Die Menschen drum herum.

Ich kann mir sensationell schlecht Namen merken, außer den Spitznamen, den ich jemandem gegeben habe.
So traf ich bereits bei der Ausübung dieses königlichen Ballsports auf einen Fernsehkoch, dort auf einen Franzose und auf Robert Downey jr., Egon Krenz, Keanu Reeves, Mister Perfect, Delica, die Nasszelle, die Schöne, den Engel, die Liebe, den Grummelkopf, die Winkelhalbierende und die Weinschorle. Die mit den blauen Augen und auch die mit dem Mörderaufschlag.
Schon die Tatsache, dass ich jemandem einen Spitznamen gebe, heißt, dass ich ihn sehr deutlich wahrnehme.
Sie alle ergeben ein Gewusel, das mir gefällt. Sehr sogar. Ich wäre gerne wichtig für diese Menschen, aber ich bin nicht gerade jemand, auf den man gewartet hat. Ich bin mehr zufällig da. Weil meine Freundin das so wollte. Und weil ich gerne mache, was meine Freunde möchten.

Ich stehe auf dem Feld und halte den Filzball in den Händen. Ich stelle meine Füße sorgfältig an der Grundlinie auf. Auf dem Nebenplatz spielen meine Söhne. Ehrgeizig, aber nicht verbissen. Lachen, loben, wollen nicht aufhören.
Ich denke an Zuhause. Und an mein eigenes Früher. Mein Vater hat gerne Tennis gespielt. Ich mochte seine DUNLOP-Tasche aus gelbem Kunstleder und den schweren Holzschläger. Ich mochte schon als Kind den Geruch von neuen Tennisbällen und wie sich die borstigen Härchen auf der Oberfläche anfühlen.
Im Jetzt: Ich mag das Feld vor mir in südländischem Rot, das Netz, die Ordnung. Langsam mag ich sogar den Rock, den ich trage. Ich und ein Rock!!! Früher undenkbar! Ich brauchte lange Hosen, Handschuhe und eine Matschkuhle, durch die ich rutschen konnte, um vor den Füßen des Gegners zu landen und ihm den großen Ball zu klauen!
Nun geht es aber darum, den Ball NICHT zu behalten. Ja, Rückschlagspiel.

Ich atme durch. Gleich mache ich einen Aufschlag. Richtiger Griff, richtig hoch werfen, ausholen und zuschlagen. Du schaffst das! Fest und präzise.
Ja, genau. Manchmal ist Liebe einfach nur fest und präzise. Und man muss sich nur an Regeln halten und sich sauber auf die gelernte Technik verlassen, dann gewinnt man das Spiel.

Ruhe bitte. Ich will alle Spiele gewinnen, aber nicht alle auf einmal. Gebt mir zwei Jahre Zeit.


In diesem Sinne
Big Point

Redakteur




20. November 2017, 10:40

Die Winkelhalbierende oder warum Tennislehrer unheimlich sind

Hallo Mädels,

ich will gleich alle alternativen Fakten auf den Tisch werfen: „Tennislehrer sind hübsch aber blöd.“ Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse halten aber dagegen.
Neue Arbeitsthese: „Tennislehrer sind unheimlich.“

Grundsätzlich gibt es für mich kaum etwas Schöneres, als zuzuhören, wenn jemand versucht, auf Mittelstufenniveau den sprachlichen Taktik-Ästheten zu geben. Also so was Kompliziertes wie Leidenschaft, Heulsusigkeit und absoluten Siegeswillen mit Hang zur Blutgrätsche in Worte zu fassen. Den hochgezüchteten Vollpfosten Synergien, Spiel-Finesse, Antizipieren und Imaginieren zu vermitteln. Fußballlehrer, Skilehrer und eben Tennislehrer machen das so. Herrlich!
Ich selbst habe übrigens eine TENNISLEHRERIN, und da Frauen per se schlauer sind, ist es obsolet zu erklären, dass die mir nie blöd vorkommt. Hübsch ist sie aber trotzdem.
Männliche TENNISLEHRERINNEN sind anders. Bislang habe ich nur Trainer erlebt, die so Sätze sagen wie: „Ey, isch glaub wohl es hackt! Hier wird hin gespielt. Sonst Liegestütze!“ In der Regel finde ich das nicht schlimm sondern kurzweilig, dann warte ich, bis sie sich Teile ihrer Funktions-Sportklamotten entledigen und muskelbepackt weiter pöbeln.

Aber dann wird es plötzlich unheimlich in meinem prä-diagnostizierten Leben:
Nichtsahnend auf einer Besucherbank in einer Tennishalle sitzend, erlebe ich die Trainingsstunde meiner beiden Freundinnen. Hochmotiviert kloppen sie auf einen wehrlosen Filzball ein. Mal Vor- mal Rückhand. Mal Volley, mal angeschnitten und mal mit dem Ausruf: „Blödes Netz!“
Der ihnen zuarbeitende Tennislehrer ist ein Mann mit einer Körpergröße, die einem Basketballspieler in Amerika und einem Sendemast in Südhessen zur Ehre gereichten. Er hat sich irgendwann (Gründe liegen der Redaktion nicht vor) entschlossen, eine Tennisschule zu gründen mit dem klangvollen Namen „Rückgabe“ (des Wohlklangs wegen in der Zunge der Angelsachsen). Also: Hier lehrt der Boss gerade selbst.

Während auf dem Nebencourt der dortige Coach alles daran legt, meinem Vorurteil über Tennislehrer Nahrung zu verschaffen (er hält lautstark Vorträge, dass Männer besser sehen und Frauen besser hören können und erläutert dies irritierenderweise an den Dezibel einer Sportschau-Sendung), richtet der Tennis-Chef auf diesem Platz das Wort an meine Freundinnen, wie folgt: „Achtet mehr auf die Winkelhalbierende!“
Ja. Wohl.
Wirklich wahr.
Winkelhalbierende.
Ich spitze augenblicklich die beschädigten Ohren.
Während er mit weit ausgestreckten Armen die Flügelspannweite einer Lockheed Super Constellation erreicht, deutet er auf das andere Feld und bittet, sich dort einen Gegenspieler vorzustellen. „Okay. Unser Angriff erfolgt immer longline!“
Unsere Blicke folgen einem unsichtbaren Filzball.
„Und nun die Winkelhalbierende vorstellen!“
Stille. Die Stille des Unverstandes. Wir reißen die Augen auf, doch es will uns nichts Halbiertes ins Auge springen.
„Ist doch ganz einfach. Ökonomie der Laufwege. Schaut doch mal.“
Wir schauen. Aber wir sehen nicht.
So geht das eine kleine Weile weiter. Nicht müde werdend und mit unerschütterlich sanfter Stimme (ziemlich unheimlich), den Schläger unter den linken Arm klemmend - um mehr Raum für große Gesten zu haben. Er deutet energisch in das leere Feld mit dem imaginierten Feind und auf eine in geistigen Nebelschwaden leise drohenden Winkelhalbierenden, wiederholt er: „Okay. Das ist im Grunde ganz einfach.“
Wir machen aber keinesfalls den Eindruck von „einfach“. Und schon gar nicht von „okay“.
Seufzend, aber noch sanfter im Timbre referiert er weiter:
„Okay. Wenn wir den Tennisplatz im Match optimal abdecken wollen, dann müssen wir uns einfach die Geometrie des Platzes zunutze machen.“
Nicken.
„Okay (er sagt oft Okay in einer therapeutisch-sedierenden Weise), nehmen wir an, ich schlage eine Vorhand cross. Dann würde mein Gegner in der Vorhandecke folgende Möglichkeiten haben, meinen Ball zu beantworten: Er könnte den Ball longline spielen oder cross nach außen.“
Er zeigt - den Schläger wieder aus der Armbeuge nehmend - in das andere Feld, dann in das eigene. Mal da, dann dort. Sein Profi-Tennisschläger sieht in seiner Hand dabei eher aus wie ein Tischtennisschläger…

Mir wird klar: Dieser Mann ist mir unheimlich.
Dabei hat er nicht viel mehr dafür getan, als baumlang in den Himmel zu wachsen. Und in Mathe aufgepasst zu haben...

„Okay. Seht Ihr das?“ Er nuschelt leicht, was erschreckend beruhigend wirkt.
Wir sehen…….. nichts. Nur eine T-Linie, ein Grundlinie und viele Fragezeichen.
Er zeigt energischer: „Na, da! Die Winkelhalbierende verläuft genau in der Mitte und befindet sich immer, je nach Stellung des Gegners, leicht rechts oder links von der Mitte des Platzes. Also da. Hier.“ Er deutet auf den Boden. Wir schauen versonnen auf den hellgrauen Tennisteppich des Hallenbodens. Des Trainers leise Stimme transportiert unheilvolle Kennerschaft. „Ich sollte mich also nach meinem cross geschlagenen Ball in Richtung Winkelhalbierende bewegen“ Er macht einen gigantischen Schritt.
Meine Freundinnen schauen irritiert dabei zu und bewegen sich automatisch hinter ihm her. Brauchen aber viele kleine Schritte dafür.
„Okay. Also achtet auf die Winkelhalbierenden, dann habt Ihr immer noch eine gute Chance, an einen Ball zu kommen, der entgegen der Laufrichtung gespielt wird.“
Er dreht sich nun wieder ganz zu meinen Freundinnen um. Er lächelt und sucht in ihren Gesichtern nach frischer Erkenntnis.
Diese lächeln höflich zurück. Man sieht, sie wollen ihm nicht das Sportlerherz brechen. Daher verzichten sie darauf, laut auszurufen, was mir gerade in den Sinn kommt: „WAS ZUM HENKER IST EINE WINKELHALBIERENDE? Ist das Mathe hier oder Sport? Hä?“
Stille.
Er liest stumm in ihren Gesichtern, nickt unsicher, atmet hörbar ein, dann stoßweise aus. Die Schultern einen Hauch hängen lassend, sagt er sanft: „Okay. Wir üben dann jetzt besser Aufschläge.“ Sprach's und ging zum Korb mit den Bällen.


Arbeitsthese bewiesen: Tennislehrer sind UNHEIMLICH – wenn sie schlau sind.


In diesem Sinne
Der Angstgegner ist man immer selbst

Redakteur



 

 

 

 

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"Man trinkt Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen." (T'ien Yi-Heng)