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25. Oktober 2016, 16:45

Ich bin zuhause

Hallo Mädels,

Obiges ist jetzt sicher nicht gerade eine derart gescheite Nachricht, dass man sich deswegen gleich ins Hemd machen muss, aber für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie sich die Zeit an einem bestimmten Ort meines Lebens offenbar jeder physikalischen Artigkeit entzieht und einfach vergeht, als wäre diese Zeit nur, naja, nix.

Hier ein schönes Zitat zu Zuhause und Kleinstadt :

"Eine Kleinstadt ist eine Stadt, in der die wichtigsten Lokalnachrichten nicht gedruckt, sondern gesprochen werden."

So sprach der geniale Jacques Tati.


In diesem Sinne
Die Zuhausegernseiende

Redakteur




21. Oktober 2016, 13:41

Die schönsten Tragödien

Hallo Mädels,

aus gegebenem Anlass hier ein kleines Zitat von Edgar Degas.

"In der Oper ist alles falsch: Das Licht, die Dekorationen, die Frisuren der Balletteusen, ihre Büsten und ihr Lächeln. Wahr sind nur die Wirkungen, die davon ausgehen."

Und wenn du nicht weißt, worum es geht, musst du mal wieder hin!

In diesem Sinne
Das klatschende Publikum

Redakteur




20. Oktober 2016, 14:46

Warum Winnetou zu Don Carlos passt


Hallo Mädels,

Verdi, so mag man meinen, trägt ja gerne mal dick auf.
Aber für meinen Theatergenuss „Don Carlo“ von Guiseppe Verdi kürzte er die Oper vor meinem Eintreffen um einen Akt. Schiller wäre beleidigt gewesen.
So blieben 3 Stunden und 15 Minuten, in denen mich das exzellente Personal des Theater Bielefeld an dem tragischen Nicht-Geliebt-Werden der vier Hauptpersonen (Don Carlo, Filippo II, Elisabeth und Eboli) und dem Scheitern der einzig aufrechten Seele (Rodrigo) teilhaben ließ.

Der Inhalt: Die vier genannten Hauptpersonen lieben inbrünstig, werden aber dummerweise nie korrekt zurück geliebt, was zunächst Verwirrung, dann bald Frust verspricht. Da das Nichtgeliebtwerden in einer machtvollen Position geschieht, haben die Verschmähten allerlei Möglichkeit, ihrer Empörung Luft zu machen.
Während der Ottonormal-Ungeliebte zu HARIBO-Produkten greift und beginnt, diese systematisch in sich hineinzufressen, neigen Mächtige ja gerne mal dazu, sich gegenseitig zu bekriegen, ganze Landstriche zu verwüsten, Weltreiche zu erobern oder butz zwischen Wetterbericht und Tagesschau den Falschlieber zu ermorden. Letzteres wurde hier präferiert.

Interessanterweise ist Don Carlos nicht wirklich die Hauptperson in der Geschichte. Und er hat auch nichts im Griff. So heiratet sein Vater seine (Carlos) Geliebte. Hingegen wird die Edeldame Eboli (das klingt schon so ungesund) von ihm verschmäht. Als wäre das nicht genug, bringt er seinen besten Kumpel (Rodrigo) durch Dusseligkeit dazu, sich ermorden zu lassen.
Das Ganze ist auf vier Akte verteilt mit großartiger Musik. Schon toll. Ein bisschen Gänsehaut war auch dabei.

Ein weiterer Schurke sei noch erwähnt: Der Großinquisitor kommt bei Verdi wie aller klerikaler Überfluss immer ganz schlecht weg. Verdi war Atheist. Und so lehrt mich ein großartiger Bass das Gruseln. Der Unsympath ist offenbar die einzige Figur, der das ganze Nicht-Geliebtwerden am Arsch vorbei geht.

Die wahre Hauptperson ist Rodrigo, Herzog von Posa. Mit seinem wunderbaren Bariton ist er der mit Überblick, versteht Weltpolitik und privaten Liebeskummer. Seine Vorschläge sind ebenso sinnvoll wie ungehört. Statt Flandern zu retten, will Don Carlos lieber seinen Liebeskummer gut sichtbar herumschleppen. Und der König macht eh nur das, was der Großinquisitor will. Das kann nicht gut gehen. Armer Rodrigo. Mit Tasche und roten Turnschuhen wirkte er auf mich wie ein moderner Hermes, der zwischen Mensch und Gott (in diesem Fall zwischen Liebestrottel und Despot) hin und her rennt und schließlich zwischen den Fronten armselig aufgerieben wird. Dafür ist seine Sterbepassage (zwischen Todesstoß und triumphaler, letzter Note) ungemein lang und zeigt deutliche parallelen zum Sterben Winnetous, was leider nie vertont wurde.

Das wunderbare Programmheftchen, das ich erwarb, spricht von „Matrix der Inquisition oder das Scheitern des Individuums“. Herrlich. Wenn man DAS in der Pause vom Jugendstil-Balkon des Theaters herunterruft, rufen alle Bielefelder: „Oijeujeu, die hat aber echt Ahnung von Verdi!“

Es war ein wunderschöner Theaterabend!

Anschließend stand ich an der nahe gelegenen Straßenbahnhaltestelle und wartete auf die Linie 3. Da radelte Rodrigo, frisch auferstanden, an mir vorbei.
Ich liebte ihn schon als Macbeth. Wie schön, dass dieser begabte Bariton sich so gut auf Wiederauferstehung versteht.


In diesem Sinne
Schillers kleines Mädchen

Redakteur




13. Oktober 2016, 08:28

Das Gymnasium der Cecilie in Bielefeld

Liebe Mädels,

wenn es Herbst wird, wird bei mir die Stimmung immer trüber. Und als wäre das nicht depri genug, greife ich zu Literatur, die auch nicht helfen kann.

Als Bielefelder gibt es einen Lesereflex, den man uns in der Schulzeit auferlegt hat und der sich bei mir dadurch verstärkte, dass ich mich in der Schulzeit weigerte, auch nur ein einziges vorgegebenes Stück Text zu lesen.
Etwas kontraproduktiv, wenn man bedenkt, dass ich in den Klausuren nie über eine Vier hinauskam, aus dem einfachen Grund, weil ich die Lektüre nicht kannte und deswegen die Antworten in einer Art Handarbeitszeitungs-Jargon verfasste. Un dnichts bestraft ein Deutschlehrer mehr als Gesülze. Meine Arbeiten ließen allerdings sicher auch eine gewisse semantische Magnifizenz vermissen...

Also Vier bis Fünf.

Bei meinen Kindern bin ich da strenger, frage andauernd nach, ob sie all das gelesen haben, was sie sollen. Sollten sie irgendwann man eine ähnlich dusseige Arbeitsweise wie ich an den Tag legen, würde ich ihnen die Bücher vorlesen oder Hörbücher kaufen, aber das sage ich ihnen jetzt noch nicht.

Wie dem auch sei.
Bielefeld.
Bei uns gab es zwei Intellektuelle, die man an unserem (ehemaligen Mädchen-) Gymnasium wie aus dem Effeff hersagen können musste. Ob mitten im Schlaf oder gerade in dem Moment, wenn man die Susi-Sunkist-Comics hinten auf seinem Kirsch-Getränk las.

Das waren

a) Emanuel Kant

b) Annette von Droste-Hülshoff


Den Herrn deshalb, weil der Direktor unseres Gymnasiums aus Königsberg stammte. Und da lebte und wohnte Emanuel und kam nie weiter als bis zu den Stadttoren - er hielt Tui-reisen für überschätzt...

Die Dame, weil die aus Münster stammte, und Biefelder nicht lange fackeln, wenn sie einen klugen Geist eingemeinden.

Die Schüler nahmen sich das zu Herzen und machten in den Abi-Zeitungen eine Rubrik auf, die die Goldene Elchi-Verleihung hieß und die besten Lehrersprüche prämierten. Warum Elch? Keine Ahnung. Ich bin nicht weiter als bis Kolberg gekommen. Aber wahrscheinlich weil in Königsberg und Gumbinnen sollten damals noch Elchtest veranstaltet worden sein.

Bei Annette war das anders. Diese unfassbar spröde Name und diese unfassbar gruselige Judenbuche machte uns Schülern allesamt schwer zu schaffen (...mir weniger, wusste ja nicht, worum es darin ging - vermutete aber, es ging um einen abrahamitischen Baum).
Die Annette war einfach aus Münster.
Und die Buche war einfach schrecklich.

Später las ich das Büchlein und gruselte mich. Nun lese ich es jeden Herbst. Ich besuchte auch ihr Geburtshaus und ihre Wohnstätte im Alter. Seeeehr münstersch.
Könnte auch mal in einem Tatort vorkommen...oder bei Fack ju Göte.

Von wegen: Buchen sollst du suchen...

In diesem Sinne
Cecilie

Redakteur




15. April 2016, 09:05

Hundstage – Dog Days


Hallo Mädels,

Tragödien ohne Musik und Gesang werden heute ja kaum noch als abendfüllend angesehen. Und als Europapremiere dürften die meisten Tragödien gar nicht zugelassen sein, denn Europa hat an Tragödien alles gehabt. Die Antike war voll damit und das was heute dazu kommt, wird nur mit viel Mühe von den Fernsehschaffenden als Super-Mega-Gau tituliert, und dann vom Wetterbericht abgelöst.

Also ab ins Theater. Da gibt es noch Premieren.
Dog Days. Von David T. Little.
Mein Vater konnte es nicht lassen und hat mir wieder eine Theaterkarte gekauft.

Das genannte Bühnenwerk kommt aus USA, also aus einem fernwestlichen Kulturkreis, der uns Europäern bisweilen völlig unbekannt ist.
Dieses Stück müht sich redlich, diese Wissenslücken zu schließen und Aufschluss über trostlose Familienverhältnisse zu geben.

Ich grüßte förmlich die Dame neben mir und setzte mich, um sofort wieder aufzustehen, weil eine andere Dame zu ihrem Platz strebte.

Bühnenbild: Haus.
Teilnehmende Künstler: Vater, Mutter, zwei Halbstarke, eine junge Dame und ein Hund, erkennbar daran, dass er auf allen Vieren herumlief (kein Text).
Inhalt: modern und deprimierend.
Gesang: modern und deprimierend (keine durchgehende Melodie), aber interessant und vielsagend die deprimierende Stimmung unterstützend.

Alle Akteure haben einen ausgewachsenen Spleen: Mann im Hundekostüm hat noch den kleinsten. Er hält sich einfach für einen Hund
Familienrest hingegen hat so richtig einen weg.
Tochter bildet sich Freundinnen ein.
Halbstarke sind andauernd auf Drogen.
Mutter will nur, dass es den Kindern gut geht, und der Vater will den Werteverfall stoppen.

Familie hungert und friert, wird ab und zu aus einem Militärhubschrauber versorgt. Es wird viel gesungen und gezankt.
Männer fressen zum Schluss Mann im Hundekostüm und werden dafür vom Militär ins Jenseits entsorgt. Mutter stirbt vorher. Nur Tochter kommt nicht so leicht davon, sie wird irre.
Am Ende räumt das Militär den Schauplatz und eine neue Familie (Experimentiergruppe 6) kommt ins Haus.

Es wird nun niemanden verwundern, dass nach dem letzten Ton, der aus einem tiefen Vibrieren und Kettenrasseln bestand, das betroffene Publikum derart in Lebenskrisen gestürzt war, dass es kaum zu klatschen imstande war.
Die Dame neben mir, schaute mir erst eine kleiner Weile beim Applaudieren zu, dann klatschte sie auch - dann alle. Wahrscheinlich aus Freude daran, dass wir, das Publikum, noch lebten.

Ich hatte meinen speziellen „Angiemoment“, als einer der Halbstarken, beim Vortrag eines drogeninduzierten Schmähgesanges (in Englisch) mit etwas Anlauf auf einen mannshohen Kühlschrank hopste (der Sänger war Asiate, dünn und gelenkig - es wirkte etwas ninjaesk).
Als er das vollbracht hatte, machte ich laut: „WOW!​“
Natürlich als einzige in einem sonst totenstillen Publikum. Die Dame neben mir drehte erschrocken den Kopf zu mir.

Ups.

Erfreulich: Trotz Moderne keine Nackigen. Aber wahrscheinlich sollte das Fehlen der bühnenüblichen Nacktheit auf die besondere Prüderie Amerikas verweisen. Im Gegenzug wurde das Wort „Fuck“ reichlich überstrapaziert.
Jaja, so macht man das in USA.

Ich würde sagen, es gibt keine Oper, in der ergreifender gefroren und gehungert wird!
Dog Days wird sicher bald einen gewissen Bekanntheitsgrad bei Rätselfreunden erreichen.

Eins noch. Es ist eine ausgesprochen mutige Entscheidung die Kunstperformance im Bielefelder Stadttheater bereits bei der Garderobe beginnen zu lassen. Dort nämlich wachte neben der zünftigen Garderobiere ein breitschultriger, amerikanischer Soldat. Ich schaute ihm irritiert zu, wie er da so stramm herumstand. Dann kaufte ich das Programmheft und die Garderobiere war bemüht, mich mit kurzem Augenkontakt zu warnen, denn mein Heft wurde mir nicht ausgehändigt, sondern an den Angehörigen des Militärs gereicht. Der hämmerte sogleich mit Wucht auf einen kleinen metallenen Anhänger eine Zahl.
PENG.
Gott, was hab ich mich erschrocken.
Dann überreichte mir die Siegermacht mein Heft.

Später erfuhr ich, dass ich zu der Experimentalfamilie 7 gehöre. Deprimierend.


In diesem Sinne
Rang links Reihe 2 Platz 5.

Redakteur




23. März 2016, 09:31

Musik ohne Gnade

Hallo Mädels,

mein Vater macht sich Sorgen um meine Bildung. „Du lebst ja auf dem Lande, wenn du zu mir kommst, schicke ich dich in die Oper“, verkündet der Bielefelder Bildungsbürger und nimmt mich wirklich mit ins Bielefelder Stadttheater.

Leider schwört das formidable Feuilleton voll auf „nackig“ auf Deutschlands Bühnen. Und das „Dramma lirico in vier Akten“, in das mich mein Vater begleitet, wartete mit Verdi, Shakespeare, Macbeth und vielen Nackigen auf mich. Ups.

Der Bielefelder Opernchor hatte offenbar vor, mich schwer zu beeindrucken. Zu diesem Zwecke verstärkte er sich mit dem Extrachor und Statisterie (ich liebe dieses Wort). Mit deutschen Übertiteln. Und ich hatte die Brille nicht mit!

Macbeth.

Für die, die den Inhalt nicht kennen, sei er hier schnell hingeworfen:

Schottland. Das ambitionierte Karrieristenehepaar Macbeth schafft es, in vier Akten Großteile des schottischen Adels niederzumetzeln, um selbst das Krönchen tragen zu dürfen. Frau Macbeth zeigt sich deutlich strebsamer in dieser Hinsicht als ihr eher jammeriger Mann, der verpflichtet war, einen konterkarierten Schottenrock zu tragen. Eventuell aus modischen Aspekten. So eine Krone plus Karos machen ja bekanntlich einen schlanken Fuß. Es kommt, wie es kommen muss. Herr Macbeth vertieft sich in der vierten und letzten Staffel nach dem Erhalt der Königswürde leider in sein eloquent vorgetragenes Selbstmitleid (und viel Nackigkeit). Und das nur, weil er seinen Kumpel ermordet hat (na, da darf man nicht zimperlich sein). Es gibt noch viel Bühnenschnickschnack.

Der wahre Held Banco, der besagte Kumpel von Macbeth, ist ein freundlicher Trottel, der wirklich, wirklich meint, eine langjährige Freundschaft könnte ihn vor Meuchelmord bewahren. Pah! Er wurde gesungen von einem sportiv wirkenden Asiate und der sah eher aus, als würde er sich nicht mit einem doofen Messer den Garaus machen lassen, sondern Bruce-Lee-mäßig dem Schotten zeigen, was man drunterträgt.
Aber Shakespeares Wille geschehe. Zack, zu dumm, da haben Herr und Frau Macbeth auch schon Bancos Libretto gekürzt. Und schon jammert Macbeth wieder rum. Wähhh, ihn habe ja keiner lieb und sein Freund redet nach dessen Mord nicht mehr mit ihm.
Tataaaa! Dann, endlich, wird der Hausherr von einem Kerl mit dem dusseligen Namen Macduff (und das ist sicher das, was Macbeth am meisten ärgert) niedergemetzelt. Schluss mit dem Jammern!

Shakespeares Humor zeigt sich einmal mehr im Auftreten von Hexen, die drogeninduzierte Prophezeiungen machen, die so ziemlich alles heißen können und damit immer eintreffen.

Ich war BE – GEIS -TERT!

Was einfach Spaß macht, ist dieses große Ganze. Man sitzt EBEN NICHT zuhause labberig am Fernsehempfangsgerät, sondern man hat sich adrett gefönt und sitzt aufrecht mit 400 anderen Interessierten und schaut ohne Hoffnung auf Werbung und Vorspultaste geradeaus. Es klingt nicht immer klar, mal knallt es, mal schreit es, mal ist ein Kopf dazwischen. Aber es ist echt und live und ach, toll.

Ich liebe Theater!

Und dann der Blick in den Graben zu den Bielefelder Philharmonikern. Herr Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic gab sich mächtig Mühe, mit den ihm anvertrauten, musikalischen Personal ordentlich Alarm zu machen. Hui! Dolle Sache. Die Übertitel (in deutsch) waren erstaunlich knapp - das italienische Gesinge dauerte da meist länger. Aber so sind sie, die Italiener, dauert länger, klingt aber besser.

In der Pause flanierte ich durch das Gebäude und bestaunte das Jugendstil-Interieur (draußen kann man noch mehr davon sehen). Jeder Bielefelder weiß natürlich, dass das ehrenwerte Haus 1904 mit der Jubelouvertür von Carl Marie von Weber eröffnet wurde. Ich liebe dieses Detail!

Interessiertes Bildungsbürgertum ist überall gleich. Es ist im Durchschnitt um die 70 Jahre alt, mit kleinem Latinum und ansehnlicher Schulbildung ausgestattet, trägt strapazierfähiges Tweet (nach dem Krieg hatten wir ja nix!​) und dazu ein Stofftaschentuch am Mann.

Und trinkt in der Pause Sekt. Herrlich.


Später, an der Haltestelle, auf dem Weg nach Hause, sah ich Banco auf dem Fahrrrad an uns vorbei radeln.

Ich liebe Bildung aus Bielefeld.



In diesem Sinne
Die vom Lande

Redakteur




12. Februar 2015, 08:16

Es ist Weiberfastnacht. Zeit für giftige Verkleidungen

Hallo Mädels,

man muss das so hinnehmen. Diese Sache mit dem Lautsein und dem Verkleiden und dem termininduzierten Fröhlichsein.
Es ist Weiberfastnacht.
Manche haben an diesem speziellen Tag super viel Spaß von Euch, andere muffeln so vor sich hin - ich um Beispiel.
Da ich in Hessen wohne, kann ich den ganzen Verkleidungszirkus kaum ignorieren. Daher ist es besser, sich mit diesem Phänomen einfach zu beschäftigen.

WARUM finden das so viele toll?
Das sind ja nicht alles Idioten. Unter den Kostümen verstecken sich gerne mal total nette Menschen.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, man muss Karneval wahrscheinlich trainiert haben.
Von klein auf.
In meiner Jugend ist in Bielefeld (und dafür bin ich dieser 801jährigen Stadt noch heute dankbar)auf diesen Teil der Frohsinns-Ausbildung naturgemäß und regionaltypisch wenig Energie aufgewendet worden.
Ich finde Karneval so peinlich, dass ich selbst in Hamm (damals, als ich da noch arbeitete) nur mit viel Alkohol ertragen konnte. Aber seien wir ehrlich. Alkohol kann bei einem sturen Ost-Westfalen sehr schnell auf seine Wirkungsgrenzen stoßen.

Mein allerersten Kostüm, und dessen wird sich sehr gerne in meiner Familie erinnert, war ein Pilz.
Mit Z.
Nicht mit S.
Ich trug ein Leibchen aus weißem Filz mit einigem Geschnackel um den Halsbereich herum, eine weiße Hose (sehr hilfreich bei einem Kindergartenkind, vermutlich blieb die nicht lange weiß) und einen sombrero-artigen, kreisrunden, knallroten Hut mit weißen Punkten.
Warum meine Mutter an jenem rosenmontagigen Morgen sich plötzlich dazu durchrang, mir so merkwürdige Klamotten anzuziehen, erschloss sich mir nicht, aber ich war eh vollkommen darauf eingestelt, immer das zu machen, was man mir sagte.
Woher kam das Kostüm überhaupt? Ich trug normalerweise die Sachen meiner Geschwister auf. Die Cowboysachen meines Bruders plus Revolver hätten mir grundsätzlich mehr gefallen.​.​.
Aber klar. Man trägt ja nur die doofen Sachen auf, die echt coolen Sachen verschwinden in dunklen Kanälen.​.​.​schmoll.​.​.
(Zum Beispiel das WM-T-Shirt meines Bruder in Gelb mit Tip und Tap drauf?​?​?​)

Wenn man also beschlossen hatte, mir an jenem denkwürdigen Rosenmontag diese seltsamen Sachen anzuziehen, sogar fleckenkritische Hosen, dann nahm ich das hin.
Nur als Randinfo: Ich hab damals sogar Hagebuttentee klaglos getrunken.
Ich wünschte, dieses sonnige Gemüt hätte ich heute noch! Würde vieles erträglicher machen!

Jedenfalls sah ich aus wie ein Fliegenpilz.
Das war wohl auch das Ziel dieser Kostümierung.
Alle waren begeistert.
Nur ich kam mit dem Hut fast durch keine Tür.​.​.

Heute, an Weiberfastnacht will ich nur so viel dazu noch anmerken:
Der Fliegenpilz ist eine Pilzart aus der Familie der WULSTLINGSverwandten.
Er ist GIFTIG, aber sicher NICHT harmlos.

Noch Fragen?
Viel Spaß jenen, die an diesen heiteren Tagen wirklich Freude haben.
Schickt mir Fotos davon, bitte!
Und all jenen, die diesen Tag zuende sehnen, wünsche ich viel Verständnis.
Ich sitze solange hilflos in Hessen fest.​.​.

In diesem Sinne
Amanita Muscaria

Redakteur




03. Oktober 2014, 16:01

Tag der Deutschen Einheit

Hallo Mädels,

Hier ein erhellendes Zitat aus meinem Zitatenfundus:




"Zur Gnade der späten Geburt darf sich jetzt nicht die Gnade der Geburt im richtigen Teil Deutschlands gesellen.​"

Walter Momper (1989-90 Reg. Bürgermeister von Berlin, SPD)


Kann ja nicht jeder in Bielefeld geboren werden.


In diesem Sinne
Die West-Tussi

Redakteur




18. Juli 2014, 09:29

Meine Briefkastenfirma

Hallo Mädels,

unlängst versuchte mein Bruder mir Mut zu machen: "Wenn du dich weiter so anstrengst, dann wir vielleicht ein Brunnen nach die benannt.​"
Eine tröstliche Aussicht, auch wenn ich schon von Glück reden darf, dass ein Briefkasten nach mir benannt wurde.
Meine Heimatstadt Bielefeld hat allerdings in ihrem 800jährigen Urkundenerwähnungsdasein nur wenige stattliche Brunnen hervorgebracht, und die wenigen haben schon gute Namen.

Wie bolle konnte ich mich daher über einen kleinen Absatz in einem Wir-sind-Weltmeister-Artikel freuen, in dem Erwähnung fand, dass der Bürgermeister von Bammental Gutes, Kluges, ja, Notwendiges plane.
Bammetal, das liegt bei Heidelberg. Und in Heidelberg wurde wer geboren?
Richtig.

Hansi Flick.

Eventuell deutete ich es mal am Rande an, dass ich diesen Herren UNGLAUBLICH toll finde. Aber nun verschwindet er von der Trainerbank. Nichts mehr mit Hütchenaufstellen, nichts mehr mit Standards üben, nichts mehr mit Pressekonferenzen, in denen er Wassergläser und Mikrofon in eine geometrische Ordnung schiebt, während er sagt, dass er „sehr, sehr“ zufrieden ist, „sehr, sehr“ gute Fortschritte sieht, „sehr, sehr“ fokussiert ist. Niemand wird so schön die Formulierung „individuelles Training“, „individuelle Regeneration“ und „Wir sind Weltmeister und das ist, ja, sehr, sehr schön“ der versammelten Presse darlegen.
Heul.
Der Bürgermeister von Bammetal versucht meinen Schmerz zu mildern.

Es wird bald eine Hansi-Flick-Straße geben!

Das wurde aber auch Zeit! Neben so postalischen Anschriften wie:

405 E 42nd Street, New York (UN)
Willy-Brandt-Straße 1, Berlin (Bundeskanzleramt)
ZDF-Straße 1, Mainz (Die Mainzelmännchen)

Nun auch:

Hansi-Flick-Straße, Bammental (Weltmeister)



Seufz.
Ich werde mal gleich Briefpapier drucken lasen für eine noch einzurichtende Briefkastenfirma.

In diesem Sinne
Hansi-Flick-Groupie 1

Redakteur




18. Januar 2014, 14:44

Gibt es was Schöneres als edle Bettwäsche aus Bielefeld?

Hallo Mädels,

ich meine jetzt echte Bettwäsche. Solche, mit denen auch unsere anspruchsvollen Großmütter zufrieden gewesen wären. Nicht dieser fadenscheinige Mist, den man in Kaffeehäusern zusammen mit Nasenhaarschneidern kaufen kann, und der seine Bestimmung nach dem ersten Waschgang von Bettwäsche in Putzlappen umfirmiert.

Mein Vater, ein Veteran in Sachen Linnen-und-Wirkwaren-Nutzung­, betätigt sich heute als Mäzen. Ich bekomme mein Weihnachtsgeschenk: Einmal Einkaufen bei Betten-Kirchhoff!

Man muss wissen, dass so ein Einkauf ein Global-Event darstellt. Erst Bielefelder Stadtbahn fahren, aussteigen am Rathaus der 800jährigen Stadt und dann geht’s durch die Rathausstraße. das ist die westfälische Flaniermeile (mit einigen der besten Geschäfte Bielefelds (800 Jahre!​)).
In der Goldstraße dann endlich das Bettenfachgeschäft, ausgezeichnet mit einem Leineweber der Stadt Bielefeld (1214 erstmalig als Stadt erwähnt, also vor 800 Jahren).

Es empfängt uns meine persönliche Verkäuferin des Jahres, was sag ich, Jahrzehnts. Nennen wir sie Frau N.
Frau N. ist groß, gepflegt, hat dunkles Haar und sensationell blaue Augen. Sie ist Bielefelderin. Sehe ich gleich. Durch und durch. Kein Schnickschnack, kein aufgeregtes Herumgesäusel. Hier entscheiden Fakten. Sehr sympathisch.

Mein Vater kauft nur Qualität. Er ist dem Haus daher bekannt und wird entsprechend begrüßt. Er legt augenblicklich das Problem dar: „Das ist meine Tochter. Die hat keine vernünftige Bettwäsche. Ändern Sie das.​“
Frau N. wirkt einen Augenblick erschüttert und scheint mich sofort zu durchschauen. Als würden wir uns dreißig Jahre kennen, hätten zusammen in einem gefühlt 800 Jahre alten Sandkasten gespielt, ja, wären sogar gemeinsam zur Tanzschule Klaus Gursch (Inh. Angelika, in der Innenstadt von Bielefeld – 800 Jahre) gegangen.

Frau N. bittet mich um die Darstellung meiner Bettwäschen-Vision. Ich sage sowas wie: „Ich mag es konservativ, glatt, kein Biber, gerne im Landhaus-Stil. Aber ich müsste mustertechnisch auf meinen Gatten Rücksicht nehmen.​“
„Aha.​“ sagt sie und mustert meinen Strickschal, auf dem HANSI HANSI steht. Sie zieht kaum merklich eine Augenbraue hoch. Mit einer formvollendeten Geste führt sie uns zu den Regalen, in denen die Bettwäschepakete wie wertvolle Exponate im Show Room der Herzogin Anna Amalia Bibliothek drapiert sind. Ich stürze augenblicklich drauf los und packe das erste Stück. Breche in Entzückungslaute aus.
Frau N. ist sofort bei mir. Wie sie das gemacht hat, ist mir schleierhaft, denn sie hat zuvor meinem Vater den Hut abgenommen, mit ihm über das Wetter geplaudert und ein Musterbuch zurecht gelegt. Sie entwendet mit elegant das Paket.
„Welche Größe haben Sie?​“
„Ich? Ist das nicht eine sehr persönliche Frage?​“
„Ich meinte die Ausmaße ihrer Bettdecke.​“
„Bitte?​“
Mein Vater antwortet für mich: „Sie hat noch 135 x 200.​“
„Ach.​“ Das klang doch eher enttäuscht. „Das hat man heute selten, aber ich kann Ihnen das bestellen. Hier haben wir sogar etwas in der Größe vorrätig.​“
Mir wird klar: Ich habe so gar keine Ahnung.
„Das Amöbenmuster hier ist toll!​“ Ich wieder.
„Sagte Sie nicht, nicht zu stark gemustert? Ihrem Gatten wäre da eventuell Paisley, so nennen wir das übrigens, nicht genehm.​“
„Sie haben recht. Und das hier? Das ist ja schöööön!​“
„Mir scheint, das ist noch stärker gemustert.​“ Sie breitet es geduldig vor mir auf einer gigantischen Theke aus. Mein Vater brummt amüsiert und vergnügt sich mit der Betrachtung eines Glitzerhirschen-Deko-Kissen.
„Okay. Dann aber das hier?​“ frage ich, als müsste sie mir alles erst genehmigen.
„Das ist Biber, fürchte ich.​“ Wieder zieht sie die Augenbrauen hoch. Mein Vater macht die Sache nicht einfacher, als er mit einem gespielten Überbiss und einem Nage-Geräusch das Gesagte visualisiert. Frau N.​entgeht das natürlich nicht.
„Dann das?​“
„Ausgezeichnete Qualität. Macco, ägyptische Baumwolle. Damast. Ich sehe schon, Sie haben Geschmack!​“
„Ja, wirklich?​“ Ich bin ja sooo stolz.
„Bielefelder Ware. Sie kennen die Firma elegante bed-linen fashion GmbH – seit über vierzig Jahren als Bettwäsche-Konfektionär erfolgreich am Markt. Oben an der Elpke.​“ Letzteres war an meinen Vater gerichtet. Der kennt das. Klar. Und ich bin so was von ahnungslos, denke ich, gebe aber nicht auf. Ich beschreibe Frau N. die Wandfarbe unseres Schlafzimmers. Sie nickt und schaut skeptisch auf die pinke Bettwäsche in meiner Hand.
„Dann wäre diese Farbe nicht zu empfehlen.​“
„Wohl nicht.​“ Ich lege es lieber gleich selber zurück. Um mich moralisch aufzurichten erklärt mir Frau N. etwas zu langstapeliger, gekämmter Baumwolle, beschreibt die Pflegeleichtigkeit von Baumwollzwickel, der mit besonders langen Fasern, Elastan, Aloe Vera und Seidenproteinen gefertigt wurde. Sie lässt mich Stoffe befühlen und auch dran riechen. Ich bin lernbereit und zupfe unschlüssig an meinem Hansi-Schal.
„Ach, Kleines“, ruft da mein Vater, der halb im Schaufenster von Betten Kirchhoff, im Herzen Bielefelds (800 Jahre), steht, „Hier! Guck mal!​“
„Ihr Vater hat recht. Dort haben wir mal etwas für unsere Kunden dekoriert. Wenn Sie mal schauen wollen?​“
„Wow! Gibt es was Schöneres als edle Bettwäsche?​“ quietsche ich.
Ein großer, schlanker Mann kreuzt den Raum und grüßt meinen Vater. Ich erkenne Ihn und zischele verschwörerisch zu Frau N. hinüber: „Ist das nicht Herr Betten-Kirchhoff?​“
Frau N. bleibt ganz ruhig. „Das ist tatsächlich der Senior-Chef.​“ Sie hat aufgegeben meine konfusen Aussagen zu korrigieren. „Diese Bettwäsche sagt Ihnen also zu?​“
Ich war versucht zu entgegnen, dass ich sehr hoffe, dass sie mir die erlaubt und sage: „Das ist dieses ägyptische Brokat oder?​“
„Sie meinen eventuell Damast?​“ Sie neigt den Kopf. Wow, sie wird Verkäuferin des Jahrhunderts mit dieser Engelsgeduld!
„Damast?​“ wiederholt mein Vater von einer Ecke des Raumes, wo er an einem Raumduft geschnüffelt hat, „das kann man sich notfalls auch an die Wand hängen!​“
Sehr hilfreich, Papa, denke ich. Und Frau N. sieht aus, als halte sie uns für verrückt, aber harmlos.
„Wir nehmen aber diese Farbe, nicht wahr? Das passt dann zur Wand.​“ Frau N. kennt sich deutlich besser aus in meinem Zuhause als ich. Ich nicke dankbar.

Während mein Vater das Portemonnaie zückt, konstruiert Frau N. einen gigantischen Turm aus zwei Paketen plus passendem Spannbettlaken ("Die Betttuchecke mit dem Einnähetikett gehört über die rechte obere Ecke der Matratze!​") plus einem Zierkissen mit dem Wappen (eher ein Look-a-like) von Bielefeld (800 Jahre).
Wir gehen zur Kasse.
„Super tolle Bettwäsche, Papa!​“ Ich gebe meinem Vater einen lauten Dankes-Schmatz, „kaum zu toppen!​“
„Na dann.​“
„Höchstens, wenn Hansi Flick drin sitzen würde!​“ kichere ich und werde rot. Frau N. schiebt die Ware in eine riesige Tragetasche und kommt auf mich zu.
„Lass das mal nicht deinen Mann hören, Süße!​“ Sie knuddelt mich und wir hüpfen einen kurzen Augenblick wie kleine Mädchen herum. Mein Vater schmunzelt.
„Freut mich aber“, sagt sie und zeigt auf den Schal, „dass dir mein selbstgestricktes Geschenk so gut gefällt.​“
„Ihr beide seid noch genau wie früher. Furchtbar albern.​“ Mein Vater lacht.

Ja, genau wie früher. Zum Beispiel in der Tanzschule. Vor dreißig Jahren. Da hat mir meine Freundin auch immer gesagt, wie der Hase läuft.


In diesem Sinne
Durch und durch Biofaser


Na? Nicht auch mal schön schlafen wollen? Auf zu Betten-Kirchoff in die Goldstraße in Bielefeld! Ja, in Bie-le-feld! Meine Heimatstadt wird übrigens 800 Jahre alt – falls das noch jemandem entgangen sein sollte.
Das gibt’s doch gar nicht!
Und dann im Bett was Gutes lesen: Vielleicht was von M I R?

Redakteur