angelaochel.de

 

 

 

Der Blog


     


19. Juli 2018, 11:58

Urlaubszeit. Wohin willst du reisen?

Hallo Mädels,


es ist Hochsommer und ich muss arbeiten. Ich arbeite, bis mein kleines Hirn kleiner und heißer ist und meine Seele kalt. So warte ich auf die erlösenden Worte meines Gatten, dass er jetzt wider Erwartung wisse, vorhin unsere Reise ginge. Bislang wurde sie aufgeschoben, da mir aufgrund des Arbeitsvolumens nicht nach Reisen war, ja selbst ein Termin zum Duschen nur schwer rein zu quetschen war.
Leider will mein Gatte sowieso immer nur „kurz mal in den Keller“ und ward nicht mehr gesehen… Was das Leben Übertage doch etwas langweilig werden lässt...

Nun warte ich also aufgeregt auf den vermählten Reisestartschuss.

Wozu reist man eigentlich?

Eigentlich ist es schön zuhause, und mit so fabelhaftem Südhessenwetter mit blauem Himmel nicht mal so, dass man in sonnigere Gefilde entfliehen muss, um kalte Füße und alte Liebe aufzuwärmen,
Gerne zieht es einen dahin, wo es eigentlich exakt so ist wie zuhause. Gutes Bett, schöne Klos, leckere Küche.
Aber bitte ohne aufzugeräumt. Dafür mit zerknitterten Klamotten aus dem Koffer.
Genau. Es soll sein wie zuhause, aber völlig anders.
Es soll sozusagen ungelauerter Frohsinn herrschen dort, wo man hinwill.
Und Wetter.
Und Gegend.
Und was für die Kinder und etwas Kultur.
Und natürlich muss das, wo man hinfährt einen stattlichen Namen haben, damit man nicht nach dem Urlaub erst stundenlang den Heimgebliebenen erklären muss, wo man war und was man da wollte.

Das Wegsein ist also vordergründig für mich sehr von Vorteil.
Die Arbeit, die hier ist, findet mich nicht und wenn ich fort bin, dann denk ich nicht an sie. Aber meist denkt auch kein anderer mehr an mich. Nur die Leute, die mir Rechnungen schreiben.
Und vor das Reisen hat der Reisgott Onkel Benz das Packen und das Fahren gestellt. Das heißt, dort, wo ich die Erholung nach langer Suche zu finden glaube, komme ich nur hin, wenn ich vorher einen irren Aufwand treibe, und dann auch noch die schlechte Laune von den Mitreisenden aufhellen muss.
Na, toll. Es klingt nach einem Nullsummenspiel, aber was soll es.

Sturm und Drang. Wind und Wetter. Ernie und Bert. Berge und Meer.

Ich würde ja zu gerne dahin reisen, wo ich noch nicht war, aber weiß, dass andere dort waren und genau deshalb eine gute Zeit hatten.
Mein Gatte (der annähernd so leicht zu bewegen ist wie sein neuer BMW mit angezogener Handbremse) will immer dahin wo er schon mal war. Also Ostblock.
Nicht sooooo wirklich mein Zielgebiet.
Aber zunächst muss man ihm den Sinn vom Wegsein erklären. Wenn es nach ihm ginge, wäre die Kontinentaldrift schon genug Reiseunternehmung.
Zuweilen gebe ich nach. Und wir fahren in so Ortschaften wie Zingst, Klink, Schmöckwitz. Und ich frage mich anschließend, warum er da zum Kuckuck noch mal hinwollte?

Entdeckungen, das wäre dann das Stichwort für meinen Urlaub in jene Richtung, wo wir noch nicht waren. Wo er aber nicht hin will, weil er da ja noch nie war.
Mist, wir drehen uns im Kreise.


Auch gut.
Denn: Wer sich im Kreise dreht, kommt immer wieder gut nach Hause.


In diesem Sinne
Die Dame aus dem Reisebüro (ruft nie zurück)

Redakteur




04. April 2018, 09:44

Frisch daheim

Hallo Mädels,

frisch daheim. Lange weg gewesen. Nicht nur physisch sondern auch psychisch. Den Kopf in den Wolken gehabt. Anderes gesehen, anderes gehört.
Sprich: man war einfach mal im Urlaub.
Und dann kommt dieser Punkt der Heimkunft. Dieser ganz knifflige Augenblick.

Ja, man freut sich schon auf zuhause, aber...

...man hat den Schlüssel in der Hand und...

...man stellt sich den Alltag vor. Vertraut, sehr vertraut, zu vertraut...

...und dann denkt man: aber wenn er nicht vertraut ist??? Wenn er anders ist??? Wenn was PASSIERT ist? Was dann?

Ihr kennt das.

Man öffnet die lange verschlossene Haustür und fragt sich: Welche Katastrophen lauern auf dem Anrufbeantworter? Wieviele Pflanzen haben überlebt? Wie sieht es im Kühlschrank aus? Ist da eventuell neues Leben entstanden?

Und dann der Geruch einer unbenutzten Wohnung. Irgendwie ein Hauch von Neu. Nach Teppich, Polstern und auch ein wenig nach Farbe. Ungewohnt.

Man schnüffelt wie ein Hund und denkt plötzlich: Ach deshalb macht das die Hunde nervös - weil sie etwas anderes riechen und nicht sich selbst. Es fehlt ihnen ... sie selber...
Eine ganz neue Seite von Egozentrik!

Also Fenster geöffnet - und Koffer auf. Wir haben ja viel Eigengeruch mitgebracht...

In diesem Sinne
Die Nase


Redakteur




22. März 2018, 08:52

Göte

Hallo Mädels,

mich traf fast der Total-Schlag, als ich das letztens las:

Göte.
Meine Künstlerseele (ist nicht allzugroß ausgebildet und teilt sich sehr eingezwängt mit der rabaukigen Fußballseele und der sehr extrovertierten Bankerseele meine engen Herzkammern) wollte es erst gar nicht wahr haben.
Gööööte???
Wer zum Henker kann denn so blöd sein? Selbst das automatische Rechtschreibkorrekturprogram​m explodiert sofort, bei dieser Schreibweise!

Gemeint war unser, ich sage es ganz deutlich: UNSER GOETHE! Himmel! Der Mann ist ein Heiligtum! Das ist Gotteslästerung!

Und obwohl der Dichterfürst mir zuweilen schwer auf der Seele liegt, er sich sperrig und schwierig in meinem Kopf quer legt bisweilen, er ist doch alles, was man eigentlich wissen muss, wenn man der schreibenden Zunft angehören will.
Man muss sich mit Goethe befassen, erst dann darf man daran denken, sich Schriftsteller zu nennen.

Ich wallfahrte also nach Leipzig.
In Auerbachs Keller. Also, weil ich Durst hatte. Aber natürlich auch der Kultur wegen.

Es ist richtig. Ich kann mich wirklich überall gepflegt betrinken, aber an manchen Stellen trinkt es sich besonders originell.
So pilgerte ich auf den Spuren der denkerischen Übergröße durch Leipzig.
Hier war er Student. Stdierte gar! Er, der doch alles wußte! Dort musste das Genie also noch etwas betankt werden, aber sein Geist war schon längst reisefertig.

So begab es sich also und ich fand mich wieder im Auerbachs Keller. Dolles Ding. Kennt man natürlich als Frankfurtgeschädigter. Dort soll der junge Goethe (wer sonst) an seinem Ur-Faust herumgedoktert (kleiner intellektueller Wortwitz) haben.

Das oben genannte Kellergewölbe ist die bekannteste und zweitälteste Weinwirkungsstätte der kulturumtriebigen Stadt Leipzig, in die später dann auch Richard Wagner hineingeboren (ind die Stadt nicht in die Kneipe) wurde.
Und noch später mein Gatte.

Seine weltweite Bekanntheit verdankt der Auerbachs Keller, der schon im 16. Jahrhundert zu den beliebtesten Weinlokalen der Stadt gehörte, wie gesagt, durch unseren Johann Wolfgang. Der eloquente Dichterfürst (damals noch Spachfuchs in Ausbildung) weilte während seines Studiums („Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn“ – man kennt es ja zu Genüge) in Leipzig 1765–1768 oft hier und machte sich groooooße Gedanken. Hier sah er die beiden um 1625 entstandenen Bilder, auf denen der (für seine chaotische Lebensführung bei Schülern verabscheute) Astrologe Faust mit Studenten diskutiert.Und auf dem anderen auf einem Weinfass zur Türe hinaus reitet. Was ich ehrlich gesagt nicht verstand, da mein Weinkonsum sich in Grenzen hielt (Da steh' ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor! Heiße Magister, heiße Doktor gar).

Der Faust war keineswegs eine Erfindung von Goethe. Das Thema war uralt (nein, deswegen heißt es nicht Ur-Faust).
Die Faustsage kannte der Jung-Goethe daher bereits aus Kindertagen durch das Puppenspiel vom Dr. Faust, das auf Jahrmärkten aufgeführt wurde.

Mit der Szene Auerbachs Keller in Leipzig in Faust I hat er seinem Studentenlokal und der Stadt ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt:
„Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“
So war das.
Und abertausende Schüler stürzten nach dieser Schreibtischtäterei in tiefe Verzweiflung. Heute gibt es in dem Keller keine großen Gedanken mehr, fürchte ich. Aber lecker was zu essen und dicke Klöße.
„Es möchte kein Hund so länger leben! Drum hab' ich mich der Magie (also eher der Kochkunst) ergeben“
Auch darüber kann man ein Buch schreiben, aber ein Kochbuch? Nein, das hat zum Glück Herr Goethe nicht geschrieben!

Anbei noch ein ORIGINAL Digitalfoto von 1767. Es zeigt den jungen Goethe beim Verfassen des entscheidenden Dialogs des Ur-Faust. (Gustaf Gründgens sieht man nur unscharf im Hintergrund, wie er da Klo sucht...)


In diesem Sinne
Angies Faust


Redakteur




22. August 2017, 12:43

Elternabend. Ein Staatsakt mit zu kleinen Stühlen.

Hallo Mädels,

nicht nur, dass man sein Blag unter Schmerzen geboren hat, nein, es zwingt einen (vielleicht nicht unmittelbar, so doch mittelbar) dazu, an Elternabenden teilzunehmen.

Elternabende sind kein ausgemachter Unfug. Nicht gleich losheulen, da hinten! Aber je älter das Kind, desto dekorativer gestaltet sich das, was da besprochen wird. Will sagen: Hübsch, aber nicht staatstragend.

Dass die Mutter (und meist sind es die Mütter, die hingehen) den Lehrer mal kurz angucken, vielleicht sogar den Kopf in den Klassenraum stecken will.
Soll sein.
Und es gibt ja auch Klassenfahrten, wo es organisatorische Feinheiten erfordern, dass der Lehrer dem verantwortlichen Erzeugerabfüller Informationen mitgeben muss. Doch leider ist das Kind an sich als Infoträger restlos ungeeignet.
Es muss eine face-to-face-Übermittlung stattfinden.
Soll sein.

Gut. Dann reden wir darüber beim Elternabend, der genausogut Lehrerabend heißen könnte.

Aber wozu muss man die Bücher gezeigt bekommen? Wozu muss man als Mama haarklein wissen, was als Thema dran kommt? Welche Hausarbeit droht und wie freiwillig „freiwillig“ wirklich ist? Und was soll uns das sagen: die Sport-Fachschaft will jeden Negativtransfer vermeidet. Weil bei den Zielschussspiele die Schritte unterschiedlich sind. Zum Glück gibt es ja noch Rückschlagspiele...

Wie war das?


Der Knaller im Wald der Namensgebung ist Epochalunterricht!

Was klingt, als würden unsere Lieben leibhaftig Bismarck oder George Washington und seine Kumpels aus dem Gründerväterclub besuchen, ist schier was gaaaaaaanz anderes. Lesen Sie dazu alle Handbücher und die Internetseite Ihrer Lehranstalt...


Es ist immer EINE Mutter dabei, die (offenbar eine genetische Mutation, die bei jedem 30sten Muttertier auftritt) unter denen, die sich mühsam auf miesen Stühlen halten, die immer was zu fragen hat, immer deutlich zeigen will, dass sie alles besser weiß als das Kind und der Lehrer. Und sich nicht zu dämlich ist, ihr Kind derart zu blamieren, dass dieses sich später wünschen wird, ihre Mutter hätte lediglich ein aktuelles Foto von ihm beim Nuckeln oder Plüschtierknuddeln rumgezeigt.

Der Lehrer hat allerdings jetzt ganz prima die Möglichkeit, seine Kompetenz in Geduld zu demonstrieren. Sehr schön.

Nachdem die Höhe des Kopiergeld, die Schädlichkeit von Handys während des Unterrichts für die Wissensaufnahme, die benötigte Unterrichtsmaterialien und auch noch die Präsentation der Unterrichtsmutimedienwand diskutiert wurde, kommen wir nun TATATATAAA zum Höhepunkt:

Die Wahl zum König der Eltern.

Großartig in seiner Umständlichkeit, großzügig an Langeweile und Aussagelosigkeit wird uns nun demonstriert, wie ernst der Deutsche das Wahlrecht nimmt.

Gewählt wird nicht der Fähigste, gewählt wird der, der sich zur Wahl stellt. In der Regel will niemand Elternkönig werden oder es will doch jemand, aber der wartet verzweifelt, dass er von anderen vorgeschlagen wird.

Wahlmonarchie, ach, was ist es glamourös!

Nachdem diverse Elternteile als Wahlteam zusammengebettelt wurden, stehen diese vorne und läuten das Wahljahr 2017 so richtig ein. Beim Strichemachen der Ausgezählten schier die Geduld zu behalten, ist schwer (aber nicht unlösbar), obwohl das blöde Mediengedöns an der Wand nicht will (aber dafür zumindest in der Theorie mit 64576 verschiedenen Schriftfarben aufwartet).

Meist schaffen es zwei Namen mühsam an das Activboard (Pfui, hier gibt es doch keine Tafel mehr!) und dann beginnt ein herzerweichender Bürokratenunfug ersten Ranges. Vorgefertigte handgeschöpfte Zettel mit Schulnamen drauf, eine vom Werkunterrichtslehrer handgeschnitzte Wahlurne und landesweit gültige Protokollzettel für die Wahlhelfer werden ausgegeben.

Und bitte noch die Anwesenheitsliste. Und pro Familie nur ein Kreuz!

Muss der Lehrer raus oder darf der drin bleiben? Der muss bleiben, er ist doch der einzige, der das Activboard bedienen kann!

Nun wird gewählt. Angezählt, ausgezählt, mitgezählt.

Trommelwirbel! Es steht tatsächlich fest, wer der König der Eltern ist.

Danach der Vertreter. Nochmal das Ganze? Oder fragen wir den einfach nur? Nein. Alles noch mal. Ein Zettel muss nachgeschnitzt werden. Oh, Himmel! Mach mal einer die Fenster auf!

Für den zweiten Wahlgang ist es notwendig – schier lebensnotwendig für die deutsche Bürokratie - noch eine dritte Person aufzustellen.

Nein! Will keiner.

Oh, Bittebittebitte! Ohne das geht es doch leider nicht.

Also gut, es findet sich eine treue Seele, die aber betont, sie würde sich da nur hinschreiben lassen, weil sie dem Wahlteam aus dieser Vorschriftenhölle heraus helfen, aber nicht (unter gar keinen Umständen) gewählt werden will.

Man willigt ein, diesen Menschen nicht zu wählen, schreibt den neu gewonnen Namen nach einigen Schreibblockaden an das Activboard und legt los.

Zettel raus, mitschreiben!

Fazit, der zweite Elternchef steht fest, es ist auch wirklich die Person, die es sein sollte, aber dennoch haben es von dem anderthalb Dutzend Eltern tatsächlich einige geschafft, den falschen Namen auf den Zettel zu schreiben. (...immerhin, wir sollten dankbar sein, sie hätten ja auch einfach unter den Namen der Schule ein JA schreiben können, oder "2xPommes rotweiß").

Als Lehrer hätte ich spätestens hier den Notausgang gesucht...


Fakt ist, je älter das Kind, desto unwichtiger der Elternabend. Mama kennt die Schule, den Lehrer und hat längst begriffen, dass sie gar nicht wissen WILL, was das Kind im Unterricht durchnimmt. Und welche Hausarbeit das Kind versieben kann.

Es schläft sich halt gesünder so.

Der Lehrerkörper hält sich tapfer. Gerade heraus, federnden Ganges (Sportlehrer) gut vorbereitet (alles vorab verschriftlicht), spricht präzise und etwas gestelzt, hält auch in Organisationspausen einen Ordner zum Rumzeigen bereit - sehr gut, Klassenbester! - aber wahrscheinlich will er nur andeuten, dass ihm die Sache mit der Bildung echt wichtig ist...

Ein witziger Moment zieht ungelacht an uns vorüber bei der Bekanntgabe seiner Emailadresse. Durch Nennung seiner hochwichtigen Funktion an der Schule wird die Adresse so lang, dass sich Brieftaubenzucht wieder fast lohnen würde.


Irgendwie macht er sehr subtil (ja fast elegant) deutlich, dass wir Eltern für ihn auch nur seine Schüler in GROSS sind.




In diesem Sinne
Die epochale Mutti


Redakteur




23. Juli 2017, 12:12

Urlaubsende


Hallo Mädels,

Ihr kennt das.
Urlaub ist zuende. Die Waschmaschine läuft, man fuchtelt mit seinem Handy vor dem Computer rum, um die Fotos zu sichern, verliert sich dann in der Betrachtung von Sonnenuntergängen und will dann wieder zurück...

Wir lieben den Urlaub ja nur deshalb so sehr, weil wir beim Kofferpacken zwei Dinge gerne vergessen:
A) Die Waage
B) Die Sorgen.


Hab nun alles wieder, aber es wird trotzdem alles gut, ich weiß das...


In diesem Sinne
Holliday Inn

Redakteur




11. Mai 2017, 11:15

Berlin, Tag und Nacht

Hallo Mädels,

neulich, also 1989. West-Berlin. Mit Mauer. Meine Eltern hatten eine Busreise gebucht. Für sich und mich. Für die Fahrt kaufte mein Vater mir einen Roman und meine Mutter mir einen Reisepass, in dem keinesfalls ein Stempel von Amerika drin sein durfte. Letzteres ließ sich leicht bewerkstelligen. Der Reisepass kostetet 60 DM. Ja, Mark.

Auf dem Weg zum ersten Grenzposten wurden wir vom Busfahrer genau instruiert, dass wir keinesfalls die Grenzer ärgern sollten. Keinesfalls. Die würden kurzen Prozess mit uns machen! Einfach Ausweis hinhalten und Klappe halten. Gott, war das gruselig, wie die durch den Bus gingen und uns alle stumm anstarrten. Wir fuhren anschließend ohne Halt quer durch die DDR. Die Fahrbahndecke war gerillt und der ganze Bus machte unablässig „Tadamm Tadamm Tadamm...“. Dann kamen wir in Berlin an. Da wieder Kontrolle, aber die westdeutschen Grenzer hatten irgendwie was anderes zu tun als unsere teuren Reisepässe anzugucken. Sehr enttäuschend.

In Berlin angekommen musste ich feststellen, dass Berlin genauso aussieht wie alle Großstädte.
Nämlich groß und häßlich.
Und sie hören sich auch so an wie Großstädte.
Nämlich laut und häßlich.
Mein Vater meinte dann irgendwann, das sei hier die britisch besetzte Zone.
Die was?
Britisch, besetzt, wegen des Krieges.
Welcher Krieg?
Zu dem Zeitpunkt war ich schultechnisch noch bei den Punischen Kriegen. Und die waren definitiv nicht in Berlin.

Sonst gab es aber alles in Berlin (und nur da so toll, groß und teuer), wie uns damals die fesche Reisetrulla erklärte, die in unserem Bus das Mikro bekam. Sie wirkte so, wie später mal Hape Kerkeling als Königin Beatrix. Resolut, mit Berliner Schnauze zum Gruppentarif dirigierte sie den Busfahrer, während sie uns das Gefühl gab, als Nicht-Berliner mal von nüscht ne Ahnung zu haben. Aber dat jewaltich.

Sie zeigten uns monströse Wohnblocks und edle Altbauten, noble Seen und das Café Kranzler. An der völlig bröseligen Gedächtniskirche machten wir Pause und ich konnte nicht fassen, dass das Ding nicht mal einer renoviert wollte.
Den vorläufigen Höhepunkt in Drive-in-Geschichte markierten die Einschusslöcher am vereinsamten und fast schwarzgefärbten Reichstag ohne Kuppel.

Vorsichtig fragte ich bei meinem Vater nach, ob das auch die Briten gewesen wären. Das könnten die Sowjets gewesen sein. Oder die Amis. Oder die Franzosen?
Nein, schritt meine Mutter ein, die Franzosen bestimmt nicht!
Dann die Sowjets, meinte mein Vater und deutete mir an, ich solle wieder der Reise-Trulla zuhören.
Was waren denn nun wieder die Sowjets?
Ach, die Russen!
Horror!
Stand IMMER vor der Tür und quasi mindestens schon mit einem Bein im Wohnzimmer!

Falsch.
Das war der Ossi, und der kam auch mit dem zweiten Fuß ins Wohnzimmer.
Und heiratete die Tochter.


In diesem Sinne
Kleinstädterin

Redakteur




24. April 2017, 12:35

Leicht erregbare Nahrungsmittel


Hallo Mädels,

wir kaufen unseren Wein in der Pfalz. Pfalz ist für einen Westfalen rein phonetisch kaum von Hessen zu unterscheiden, nur dass die da kein CH sprechen können. Schon das Hinfahren ist mir ein innerer Badetag, denn dort sind Berge und Wein und schöne kleine Fachwerkhäuser. Wir fahren stets einmal im Frühjahr und dann wieder im Herbst zum Weingut Thomas Reinhardt und packen unseren Kofferraum voll mit Wein, Säften, Obst und Gemüse.
Anschließend gehen wir Essen im Klosterstübchen, wo an den Wänden Fotos von Altkanzler Kohl und Saumagen hängen.

Ich hab alles gelesen über Wein! Mein Wein-Buch (geradezu eine Wein-Bibel) erläutert ausgiebig Dinge wie Etikett, die Flasche an sich, den Flaschenhals, den Korken und die Kapsel.
Uiiii!
Ich schaffte mir fleißig jegliche Fachterminologie für Duftrichtungen drauf, weiß alles darüber wie man den Korken zu entfernen hat und verachte lautstark die Korkmotte.

Die Frau des Winzers kennt uns bereits. Nicht unbedingt, weil wir bereits so mit Fachwissen glänzten, sondern weil meine Jungs einen Heidenspaß daran haben im Lager zu helfen.
Ich spreche mit der Dame, während sie mich in den Weinprobenraum führt, ernste Worte über das ungünstige Wetter, dann gehen wir nahtlos über zum Frappieren und Chambrieren und selbstverständlich über das Dekantieren.
Während mein Gatte noch draußen herum stromert (eventuell fährt er Rennen mit den Sackkarren), bekomme ich meinen ersten Wein eingeschenkt.
„Wir bevorzugen ja stets Weißwein“, rufe ich aus, aber das weiß die Dame der edlen Tropfen natürlich längst.
Erste Probe. Ich halte meine Nase tief in die Tulpe und spreche wie immer davon, dass Riesling vorzüglich ist und welchen wir das letzte mal erwarben (zum Beispiel das Deidesheimer Nonnenstück...etc).

Ja, Ihr ahnt es, liebe Mädels. Es wird noch genau wie bei Loriot.

Gatte kommt rein und trinkt sofort auch. Er schnuppert nicht, sondern er legt den Kopf in den Nacken und lässt den Rest meines Glases in den Rachen laufen.

„Hatten wir den auch letztes Mal, Liebes?“

„Aber nein. Das war eine seltene, hochwertige Trockenbeerauslese!“ Ich versuche durch ein dünnlippiges Lächeln anzuzeigen, dass er gerade meinen Ruf als aufstrebende Sommelieuse versaut, wenn er nicht ganz brav und konservativ was über das Aroma sagt.

„Der ist lecker, können wir nehmen. 24 Flaschen?“ ruft er begeistert. Was natürlich kompletter Blödsinn ist. Er ist außerdem kurz davor einen Likör für einen Rotwein zu halten. Ich beordere ihn mit Blicken zum Sitzplatz. Auch die Jungs sind mittlerweile da und fragen irgendwas Nettes.
Die Dame des Hauses grinst verschmitzt, greift zu einer Apfelsaftflasche und reicht sie meinen Jungs. Gatte trinkt auch davon – es ist beim Trinken kein Unterschied festzustellen WAS er da gerade verköstigt.

„Gibt es auch Sekt? Oder Schaumwein? Oder Champagner?“

Schnell referiere ich meinen Gatten mundtot , indem ich ihm den Unterschied aufzeige. Er zeigt sich wenig beeindruckt und lässt ein Schnalzen hören, weil er Hunger bekommt.

Ich bekomme ein neues Glas und eine neue Probe.
„Fruchtig!“ sage ich und versuche meinem Gesicht den Anstrich zu geben, dass ich gerade einer Duftsensation beiwohne.
Sie nickt.

„Echt?“ Gatte greift mein Glas und schluckt es mit einem einzigen Happs runter. „Na ja.“ ist sein unfachsinniges Resümee. „Wenn du den magst, Schatz. Und dann noch einen irgendeinen Roten“, sagt er nur. Ich versinke vor Scham.
Es vergeht eine Weile in der ich blicktechnisch meinen Mann niederringen will, aber er bleibt fröhlich und denkt wohl, ich flirte mit ihm.
Mittlerweile haben wir ein ganze Reihe Flaschen ausgewählt. Die Dame notiert. Dann bietet sie mir einen an, den ich noch nicht verköstigt hatte. Ich schnuppere - lobe – koste - lobe.
Und Gatte? Klar. Kippt. Es ist aber nur ein Tropfen drin, gut so, denn er muss noch fahren!


Und dann öffnet sich der Himmel und da taucht Loriot über uns auf.


Als ich sage: „Ja, der könnte uns auch gefallen. Er erinnert mich an den ersten.“

Gatte nickt herzig (und ich ahne Böses) und sagt dann die fatalen Worte.


„Schmecken die nicht alle gleich?“


Und ich höre Loriot, wie er in die Hände patscht und sagt: „Falsch, die schmecken alle wie der zweite!“


(Schweigen)


Ich brauche nicht zu erwähnen dass meine Virtuosität mit den Vokabel wie Viskosität Eigennote und Reduktionsbouqet nicht mehr gefruchtet haben.
Aber wir dürfen trotzdem wieder kommen, sie drückt mir einen von den ganz besonderen Weinen gratis in den Arm und lächelte, während sie das Geld von Gatte entgegennimmt.

Und wie hab ich mich geschlagen, fragt er sie begeistert von sich selbst (und offenbar von seiner Brieftasche?).
„Hmpf“, mache ich. Die Frau des Winzers lächelt nur geschäftstüchtig und geduldig.
„Zum Glück“ hebt da Gatte zum letzten verbalen Entgleisungshöhepunkt an „hab ich Ihnen nicht erzählt, dass meine Frau in ihren Weißwein immer kaltes Wasser kippt, um ihn als Schorle zu trinken, was?“

...



Zuweilen macht Wein Kopfschmerzen – schon vor dem Verzehr.


In diesem Sinne
Die Weinkrampfkönigin Angie

Redakteur




01. September 2016, 15:30

Laub im Urlaub


Hallo Mädels,

wozu ich eigentlich Urlaub bräuchte, fragte mich mein Gatte auf der Hinfahrt, ich hätte doch immer Urlaub.
So was sagt mein Gatte gerne. Vor allem bei 180 km/h auf der Autobahn. Denn dort ist die Chance von mir sofort erschlagen zu werden, vertretbar gering.

In der Fotogalerie sieht man ein paar Eindrücke.
Sehr zu empfehlen.

In diesem Sinne
Die Urlaubslose

Redakteur




27. August 2016, 12:38

Sommerpause beendet und Youtube läuft heiß.



Hallo Mädels,

die Zeit des Heilschweigens ist beendet.
Ich bin wieder da!

Und habe auch wieder reichlich frische Worte mitgebracht.

Und in YouTube wird mein Buch besprochen. Was will man mehr?

In diesem Sinne
Das Pausenbrot

Redakteur




07. Juli 2016, 09:25

Berlin ist auch nichts anderes als Paris, nur nicht so französisch


Hallo Mädels,

damals, 1989, stand der Russe immerzu vor der Tür, und es gab samstags „Bonn direkt“. An bestimmten rheinländischen, gelben Ortseingangsschildern stand Bundeshauptstadt Bonn. Heute steht dort Bundesstadt.
Damals war nämlich Bonn Hauptstadt der BRD. Und diese um knapp 17 Millionen Einwohner ärmer.

1989. West-Berlin. Mit Mauer.
Meine Eltern hatten eine Busreise gebucht. Für sich und mich. Für die Fahrt kaufte mein Vater mir einen Roman und meine Mutter mir einen Reisepass, in dem keinesfalls ein Stempel von Amerika drin sein durfte. Letzteres ließ sich leicht bewerkstelligen, denn ich steige in kein Flugzeug.

Der Reisepass kostetet 60 DM. Ja, Mark. Ich brauchte das Ding nie wieder!

Auf dem Weg zum ersten Grenzposten wurden wir vom Busfahrer genau instruiert, dass wir keinesfalls die Grenzer ärgern sollten.
Einfach Ausweis hinhalten und Klappe halten.
Gott, war das gruselig, wie die durch den Bus gingen und uns alle stumm anstarrten.
Wir fuhren anschließend ohne Halt quer durch die DDR. Die Fahrbahndecke war gerillt und der ganze Bus machte unablässig „Tadamm Tadamm Tadamm...“.
Dann kamen wir in Berlin an. Da wieder Kontrolle, aber die westdeutschen Grenzer hatten irgendwie was anderes zu tun als unsere teuren Reisepässe anzugucken. Sehr enttäuschend.

In Berlin angekommen musste ich feststellen, dass Berlin genauso aussieht wie alle Großstädte. Groß. Das unschöne Wetter tat sein übriges, um unsere Begeisterung im Niedrigsektor zu halten. Wir waren im angenobelten Hotel Schweizer Hof untergebracht, vor dem zu meiner persönlichen Verwirrung die britische Fahne hing. Mein Vater meinte, das sei hier die britisch besetzte Zone.
Die was?
Britisch, besetzt, wegen des Krieges.
Welcher Krieg?
Zu dem Zeitpunkt war ich schultechnisch noch bei den Punischen Kriegen. Und die waren definitiv nicht in Berlin.

Damals war Berlin schon Berlin wie heute. Immer das Beste, immer das Skurrilste, immer am Rande der Verausgabung, wie uns damals die fesche Reisetrulla erklärte, die in unserem Bus das Mikro bekam. Sie wirkte so, wie später mal Hape Kerkeling als Königin Beatrix. Resolut, mit Berliner Schnauze und gab uns das Gefühl, als Nicht-Berliner mal von nüscht ne Ahnung zu haben.

Aber dat jewaltich.

Sie zeigten uns monströse Wohnblocks und edle Altbauten, noble Seen und das Café Kranzler. An der völlig bröseligen Gedächtniskirche machten wir Pause und ich konnte nicht fassen, dass das Ding nicht mal einer renoviert WOLLTE.
Den vorläufigen Höhepunkt in Drive-in-Geschichte markierten die Einschusslöcher am vereinsamten und fast schwarzgefärbten Reichstag ohne Kuppel.

Vorsichtig fragte ich bei meinem Vater nach, ob das auch die Briten gewesen wären.
Er überlegte. Das könnten die Sowjets gewesen sein. Oder Franzosen?
Nein, schritt meine Mutter ein, die Franzosen bestimmt nicht!
Dann die Sowjets, meinte mein Vater und deutete mir an, ich solle wieder der Reise-Trulla zuhören.

Was waren denn nun wieder die Sowjets? Ach, die Russen!
Und standen diese Russen hier nicht mindestens schon mit einem Bein im Wohnzimmer?

Die Dame am Mikro, die offenbar sehr engagierte Zwischenfragen von einem Herren mittleren Alters in Cordjacke beantworten musste, wies uns genervt auf die Kreuze an der Mauer hin. Die Maueropfer. Das war definitiv nicht lustig.

Apropos nicht lustig: Die Mauer, das muss man sich mal vor Augen halten, hatte zu dem Zeitpunkt (Frühjahr 1989) praktisch ihren Sinn schon hinter sich – es hätte da auch eine rote Ampel gereicht, denn die Sache mit der Grenze war nie wirklich modern gewesen, bald aber war sie dann nur noch ein Bauschuttentsorgungsproblem. Nur das konnte da niemand wissen, ich am wenigsten.
Und ganz ehrlich. Der Schrecken der blöden Mauer wurde mir erst bewusst, als ich es sah. Also ein halbes Jahr, bevor sie sich dahin trollte, wo böse Mauern hingehören.

Unermüdlich versuchte ich aus meinem Vater heraus zu bekommen, WARUM man denn überhaupt ein Volk so begeistert einsperrt.

Die Reiseleiterin hatte mittlerweile den Bus in die Nähe eines „Empörungspodestes“ dirigiert. Praktischerweise in die Nähe eines jenseitigen Brandenburger Tores und eines diesseitigen Kiosk. Das Empörungspodest war jene Treppenkonstruktion, die es dem Westbesucher ermöglichte, durchs Brandenburger Tor auf der anderen Seite (während die oben drauf geschraubte Quadriga uns beharrlich den Popo zeigte) zu blicken. Aber halt nicht tourimäßig sondern als empörter, verantwortungsvoller Bürger.
Der Blick war enttäuschend. Auf der anderen Seite war nichts los. Kein Mensch zu sehen.
Ein Mitreisender machte Witze über Bananen und Devisen, die ich nicht verstand. Mein Vater machte keinerlei Anstalten mir das zu erklären.

So machte ich einige wenige Fotos von der Mauer, aber ich fand das Motiv blöd. Und ich hatte nur einen 36-Film in meiner Kamera, da hieß es, sorgfältig das Motiv auszusuchen. Ich beschaute mir daher die Mauermalerei.
Einen Trabbi habe ich auch gesehen, aber nicht fotografiert. Danach fuhren wir auf den Kuh'damm, den ich beharrlich und völlig falsch als „Kö“ bezeichnete und meine Mutter damit zum Lachen brachte.
Mein Vater traf seinen Chef dort (Berlin bedeutet die Welt und die ist bekanntlich ein Dorf) und ich fand, Berlin sei jetzt auch nichts Besonders.

Als ich heimkam, brachte ich den Film erst nach Weihnachten 1989 zum Fotoladen. Als ich die Mauerfotos abholte, stand das Ding schon nicht mehr.


Heute ist die größte Attraktion in Berlin der Opa.

In diesem Sinne
Die Frau mit dem Ossi vor und hinter der Tür

Redakteur



Seite 1 von 4

 

 

 

 

628405

     

 

 

 

 

 

"Man trinkt Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen."